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PraxishandbuchGlücksspiel

ImpressumHerausgeberEdelsbergstraße 10, 80686 MünchenTel. 089/5527359-0 Fax 089/5527359-22E-Mail: triebswirt (FH) Thomas Baur, Dipl.-Psych. Barbara Braun, Dipl.-Psych. Ursula Buchner, Dipl.Psych. Annalena Koytek, Dipl.-Soz.Päd (FH) Konrad Landgraf, Dipl.-Soz.-Päd. (FH) Lisa MehrbrodtKontaktLisa Mehrbrodt, Fachstellenbetreuung und Projektentwicklung, Tel. 089/5527359-12, E-Mail: [email protected] oder [email protected] Dipl.-Betriebswirt (FH) Thomas Baur Dipl.-Psych. Götz Beyer, Berlin Dipl.-Psych. Barbara Braun, IFT, Bereich LSG Rechtsanwältin Dr. Christina Brugger, Zürich Dipl.-Psych. Ursula Buchner, BAS, Bereich LSG Prof. Dr. Gerhard Bühringer, IFT Institut für Therapieforschung Dipl.-Soz. Päd. (FH) Andreas Czerny Dipl.-Soz. Päd. (FH) Daniel Ensslen, Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e.V. Manuela Freese-Wagner, M.A. Dipl-Soz.Päd/ GWG Frank Gauls, Hellweg Zentrum für Beratung & Therapie Dipl.-Psych. Tobias Hayer, Universität Bremen, Institut für Psychologie und Kognitionsforschung (IPK) Dr. Heike Hinz, AHG Klinik Wigbertshöhe Dipl.-Soz. Päd. (FH) Vanessa Irles-Garcia Theresa Keidel, Selbsthilfekoordination Bayern Dipl.-Psych. Susanne Klein, Caritas Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Landsberg Dipl.-Psych. Eva Korell, Korell & Hoßner Dipl.-Psych. Annalena Koytek, BAS, Bereich LSG Dipl.-Soz. Martina Kroher, IFT, Bereich LSG Dipl.-Soz.Päd (FH) Konrad Landgraf Dipl. Soz. Päd (FH) Lisa Mehrbrodt Rainer Mesch, Schuldnerberater ISKA Nürnberg, Vorstand LandesarbeitsgemeinschaftSchuldner- und Insolvenzberatung Bayern e.V.

Dr. Volker Premper, AHG Klinik Schweriner SeeDipl.-Soz. Monika Ludwig (ehemals Sassen), IFT, Bereich LSGDipl.-Soz. Päd. (FH) Marco Stürmer, BAS, Bereich LSGDipl.-Soz.Päd (BA) Mete Tuncay, DVMDr. Felix Wedegärtner, Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie HannoverDipl.-Psych. Susanne Winter, BAS, Bereich LSGRita Wüst, M.A, Münchner Bündnis gegen Depression e.V.V.i.S.d.P. Konrad Landgraf, GeschäftsführerAktualisierte Online-Fassung, 07.04.2014 Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern

PRAXISHANDBUCH inleitungBasiswissen1Pathologisches Glücksspielen1.11.21.31.41.52Definition nach DSM und ICDEinordnung des sspielverhalten in BayernRechtliche Grundlagen2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen2.2 Rechtliche Vorgaben zum Spielerschutz3Überblick über die Glücksspielangebote3.1 Glücksspielmarkt3.2 Angebote und Anbieter3.3 Umsätze der Glücksspielangebote4Basisschulung4.1 „Grundlagen der Glücksspielsucht" Teil I4.2 "Grundlagen der Glücksspielsucht" Teil II5Presse-Factsheet: Glücksspielproblematik in Deutschland und BayernIII Vertiefung spezifischer Aspekte1Aufbauschulungen pathologisches Glücksspielen1.1 Diagnostik und Differentialdiagnositk bei pathologischem Glücksspiel1.2 Glücksspieler in Beratung und Behandlung – wie zocken Spieler mit ihren Beratern?1.3 Komorbidität bei pathologischem Glücksspiel1.4 Integrative Methoden in der Behandlung pathologischer Glücksspieler1.4.1 Alle Wege führen zum Ziel? Verhaltenstherapeutische Methoden in der Beratung pathologischer Glücksspieler1.4.2 Ein Weg zum Ziel - Tiefenpsychologische Herangehensweisen1.4.3 Systemische Ansätze in der Beratung pathologischer Glücksspieler1.5 Migration und Glücksspielsucht1.5.1 Zuwanderungsgesetz und Aufenthaltstitel1.5.2 Traditionsgebundene Aspekte in türkisch-orientalischen Migrantenfamilien1.5.3 Sozialpsychologische Aspekte von Migration und Integration1.6 Traumasensible Beratungsarbeit und suizidale Krisen1.6.1 Traumasensible Beratungsarbeit mit Glücksspielern1.6.2 Traumasensible Beratungsarbeit mit Glücksspielern– Workshop1.6.3 Suizidale Krisen in der Beratung pathologischer Glücksspieler1.7 Zielgruppensensible Beratung und Behandlung pathologischer Glücksspieler1.7.1 Internetwelten: Pathologisches Online-Gambling und Online-Gaming1.7.2 Transkulturelle Kompetenz in der Beratung pathologischer Glücksspieler1.7.3 Transkulturelle Kompetenz in der Beratung pathologischer Glücksspieler-Workshop2Schnittstelle Schuldnerberatung2.12.22.32.43Wissenswertes über Schuldner- und InsolvenzberaterAblauf der SchuldnerberatungHinweise zur Vorbereitung des Ersttermins bei der SchuldnerberatungRegelmäßig auftretende Fragen zum Bereich „Private Insolvenz“Fallbeschreibung: Verhaltenstherapeutische Behandlung eines PathologischenInhaltsverzeichnisS.1

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELGlücksspielersIV Aktuelle Forschung und Entwicklungen1Literaturreferate1.1 Gibt es riskante oder süchtige Lotto-Spieler?1.2 Pathologisches Spielverhalten bei Glücksspielen im Internet1.3 Komorbidität bei Patholgischem Glücksspiel1.4 Die Inanspruchnahme formeller Hilfen durch Menschen mit problematischem oder pathologischemGlücksspielverhalten1.5 Kann kontrolliertes Spielen ein mögliches Ziel in der Behandlung pathologischer Glücksspielersein?1.6 Einmal Spieler - immer Spieler? Veränderung im Spielverhalten beim Übergang von Jugend zumErwachsenenalter1.7 Pathologische Internetnutzung - ein Überblick1.8 Pathologische Glücksspieler mit spätem Beginn der Erkrankung: klinische Korrelate undGeschlechtsunterschiede1.9 Das Konzept des "Gambling Involvement"1.10 Die Spielerselbstsperre als Maßnahme zur Schadensminimierung: Befunde aus dem SpielbankenSektor ausgewählter Euopäischer Länder1.11 Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivätsstörung bei behandlungssuchenden pathologischen undgefährdeten Glücksspielern1.12 Glücksspiel bei Erwachsenen in Deutschland: Prävalenz, Pathologie und Risikofaktoren1.13 Trauma und Glücksspielsucht: Unterschiede zwischen Frauen und Männern in stationärer Behandlung1.14 Wie psychologische Symptome mit Motiven für das Glücksspielen zusammenhängen: EineOnline- Studie mit Internetspielern.2Wissenschaftliche ArtikelV Arbeitsmaterialien für die Beratungspraxis1 Materialien für Anamnese und Diagnostik1.1 Interviewleitfaden pathologisches Glücksspielen1.2 Selbsttest2 Arbeitsblätter zu therapierelevanten Problembereichen2.1 Hinweise zur Verwendung der Arbeitsblätter2.2 Ziele setzen - Wissenswertes über Zielformulierung2.3 Ziele setzen – Lebensbereiche2.4 Ziele setzen - Prioritäten setzen2.5 Ziele setzen - Konkrete Zielformulierung2.6 Ziele setzen - Verhaltensziele für die nächsten Wochen2.7 Tagesprotokoll2.8 Wochenprotokoll2.9 Ausgabenprotokoll2.10 Monatlicher Haushaltsplan2.11 Schuldenaufstellung2.12 Konfliktherde3 Weitere therapeutische Übungen für die Gruppen- und Einzeltherapie3.1 Übungen zur Problemwahrnehmung3.2 Glücksspieltypische Denkfehler3.3 Übungen zur Funktionalität von Glücksspielen3.4 Bewältigungstonbänder.3.5 Erregungsregulation4 Weitere Materialien zum Umgang mit Geld4.1 Anamnesebogen zur Entwicklung des Geldstils4.2 Fragebogen zur Entwicklung des Geldes4.3 Einführung Geldmanagement4.4 Hinweise zum Einsatz des therapeutischen Instruments "Geldbeutel"5 Sonstiges5.1 SpielersperreInhaltsverzeichnisS.2

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIEL5.2 Überleitung einer angeleiteten Gruppe in eine SelbsthilfegruppeVI Öffentlichkeitsarbeit und Prävention1 Öffentlichkeitsarbeit1.1 Workshop 1x1 der Medienarbeit1.2 Übersicht über die Kampagnenmaterialien zum Einsatz in den Praxisstellen2 Prävention2.1 Grundlagen der Suchtprävention2.2 Methoden der Prävention von problematischen und pathologischen GlücksspielVII Kontakte, Adressen, Links1 Kompetenznetzwerk der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern2 Selbsthilfegruppen in Bayern3 Ansprechpartner der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern4 Landeskoordinatoren Glücksspielsucht in Deutschland5 Internetadressen zum Thema Glücksspiel(-sucht)VIII Anhang1 Literaturempfehlungen2 Gesetze und VerordnungenRegisterInhaltsverzeichnisS.3

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELVorwortSeit Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrages am 1. Januar 2008 sehen sich die Bundesländerimmer mehr in der Pflicht, den Schutz der Bürger vor Glücksspielsucht zu verstärken. In Bayern wurdedeshalb im Juni 2008 die „Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern“ (LSG) gegründet. Sie bildet diezentrale Schnittstelle aller an der Prävention, Suchthilfe und Suchtforschung bei Glücksspielsuchtbeteiligter Organisationen und Akteure. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheitfinanziert die LSG. Ihre Aufgaben bestehen in der Forschung, in der Einrichtung spezifischer Beratungsstellen vor Ort in ganz Bayern, in der Weiterbildung von Profis, die mit pathologischen Spielernund/oder deren Angehörigen arbeiten sowie in der Prävention und Aufklärung der breiten Bevölkerung.Die Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit folgenden Partnern:-Betreiberverein der Freien Wohlfahrtspflege Landesarbeitsgemeinschaft BayernEr ist Träger und Betreiber der Geschäftsstelle sowie der Praxisstellen vor Ort.-Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt)Die BAS organisiert Weiterbildung und Supervision, ist für den Transfer von der Forschung indie Praxis zuständig und koordiniert Veranstaltungen.-IFT Institut für TherapieforschungDas IFT ist für sämtliche Forschungsvorhaben verantwortlich.Um die Qualität des Beratungsangebotes in Bayern auf dem bis dato eher stiefmütterlich behandeltenGebiet der Glücksspielsucht zu optimieren und langfristig auf hohem Niveau sicherzustellen, wurde imRahmen der LSG das „Kompetenznetzwerk Glücksspielsucht“ gegründet. Darin sind aktuell 65 Suchthilfeeinrichtungen zusammengeschlossen, die sich verstärkt dem Thema widmen. Von der LSG werden deren Mitarbeiter geschult, erhalten sie Materialien, Supervision und fachliche Begleitung. Regelmäßige Netzwerktreffen sorgen für persönlichen, fachlichen Austausch. Um alle Beteiligten zu vernetzen, initiiert die LSG auch Kontakte zu anderen Institutionen, die medizinische oder psychosozialeHilfsangebote bereitstellen.Das vorliegende Handbuch wurde in Zusammenarbeit aller Kooperationspartner erstellt. Hiermit liegtbayernweit erstmals ein Kompendium vor, das Beratern vor Ort als umfangreiches Arbeitsmittel inihrem täglichen Umgang mit pathologischen Spielern und/oder deren Angehörigen dient. Damit leistetdie LSG einen entscheidenden Beitrag zur Qualitätssicherung und -verbesserung in der Behandlungpathologischer Spieler in Bayern.Konrad LandgrafGeschäftsführer Landesstelle Glücksspielsucht in BayernVorwort

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELEinleitungLiebe Leser,herzlichen Dank, dass Sie gerade unser Praxishandbuch Glücksspiel lesen. Es ist für all jene gedacht,die sich beruflich mit Glücksspielsucht beschäftigen, und es ist eine wertvolle Hilfe für diejenigen, diesich in Suchtberatungsstellen um Betroffene und deren Angehörige kümmern.Um Menschen mit einer Suchterkrankung gezielt beraten zu können, ist ein hohes Fachwissen erforderlich. Das Praxishandbuch Glücksspiel soll dabei Ihr täglicher Begleiter sein und Ihnen Fachwissenin komprimierter Form bieten und Sie bei Ihrer wertvollen Arbeit bestmöglich unterstützen.Das Praxishandbuch Glücksspiel ist dabei aber keineswegs ein statisches Druckwerk. Es ist ein lebendiges Dokument, das der Benutzer ganz nach Belieben mit eigenen Materialien ergänzen kann.Parallel dazu aktualisiert die Landesstelle Glücksspielsucht gemeinsam mit den KooperationspartnernBAS und IFT dieses Handbuch laufend und fügt neue Inhalte hinzu. Mit ihren persönlichen Unterlagenwie auch den Schulungsmaterialien, die Sie vielleicht bereits von uns erhalten haben, können Siejederzeit Ihr persönliches Exemplar ergänzen. In unseren Newslettern weisen wir außerdem auf neueBausteine für Ihr Handbuch hin. Wenn Sie möchten, können Sie auch den Newsletter auf unsererHomepage abonnieren. So bleiben Sie immer im Bilde – und mit uns in Kontakt. Wir freuen uns darüber.Jede Anregung von Ihnen ist wertvoll und natürlich sind wir ebenso offen für Kritik. Helfen Sie uns,dieses Handbuch noch besser und es für Sie zu einem perfekten Arbeitsmittel zu machen, indem Sieuns Feedback geben. Eine E-Mail genügt: [email protected] einer besseren Lesbarkeit verzichten wir auf die männliche und weibliche Schreibweiseund beschränken uns auf die traditionell männliche Form. Gemeint und angesprochen sind in jedemFalle gleichrangig beide Geschlechter.Konrad LandgrafGeschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG)I Einleitung

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIEL1Pathologisches GlücksspielenDie folgenden Beiträge vermitteln Ihnen ein Grundwissen über das Krankheitsbild und dieEpidemiologie des Pathologischen Glücksspielens. Weitere Zahlen und Fakten können Sieaußerdem im Kapitel Forschung auf unserer Homepage unterhttp://www.lsgbayern.de/index.php?id 66 nachlesen.III Vertiefung spezifischer AspekteAufbauschulungenS.1

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIEL1.1Definition nach DSM und ICDIm Allgemeinen ist unter Glücksspiel das Setzen eines Wertes auf ein Spiel/Event oder eine Wettejeglicher Art zu verstehen, deren Ausgang unvorhersagbar ist und bei der das Ergebnis zu einem gewissen Grad vom Zufall abhängt (Bolen & Boyd, 1968). Pathologisches Glücksspielen (Pallanti,DeCaria, Grant, Urpe & Hollander, 2005) stellt ein schwerwiegendes Problem dar, das mit negativenKonsequenzen für das Individuum, für Personen in dessen Umfeld, aber auch für die Gesellschaftinsgesamt einhergeht (Raylu & Oei, 2002; Raylu & Oei, 2004).Im ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, zehnte Revision) ist PG unter „abnormeGewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ (F63) eingeordnet (WeltgesundheitsorganisationWHO). Hiernach besteht die Störung in häufig wiederholtem episodenhaftem Glücksspiel, das dieLebensführung der betroffenen Person beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.Im kürzlich veröffentlichten DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, fünfte Auflage, bislang nur in englischer Sprache erschienen) wurde PG von den Störungen derImpulskontrolle, nicht andernorts klassifiziert, in die Gruppe der Abhängigkeitserkrankungen aufgenommen (American Psychiatric Association, 2012). Wesentliches Merkmal von PG ist ein „andauerndes, wiederkehrendes und maladaptives Spielverhalten, das persönliche, familiäre oder Freizeitbeschäftigungen stört oder beeinträchtigt“ (DSM-IV, American Psychiatric Association, 1994, S. 615).Dies kann sich unter anderem in starkem Eingenommensein vom Glücksspiel, erfolgloser Einschränkungs- oder Aufgabeversuche des Spiels, Unruhe und Gereiztheit dabei, Lügen gegenüber Dritten zurVertuschung der Spielproblematik oder Wiederaufnahme des Glücksspiels, um Geldverluste auszugleichen, äußern. Im Gegensatz zum DSM-IV liegt nunmehr die Diagnose PG vor, wenn vier der insgesamt neun Kriterien erfüllt werden (anstelle von fünf von zehn Kriterien); im DSM-5 wurde das Kriterium „Illegale Handlungen“ ersatzlos gestrichen.Als eine schwächere Ausprägung, bei der drei bis vier, aber nicht alle für eine Diagnose notwendigen Kriterien erfüllt werden, kann das „problematische Glücksspielverhalten“ (PrG) angesehen werden (z.B. Volberg, Abbott, Ronnberg & Munck, 2001).Die diagnostischen Kriterien für PG sind in den Abbildungen 1 und 2 jeweils nach ICD-10 undDSM-IV (da das DSM-5 noch nicht auf Deutsch erschienen ist) dargestellt.II BasiswissenDefinition nach DSM und ICDS.1

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELICD-10F63 Abnorme Gewohnheiten und Störungen der ImpulskontrolleF63.0 Pathologisches GlücksspielenDauerndes, wiederholtes Spielen Anhaltendes und oft noch gesteigertes Spielen trotz negativer sozialer Konsequenzen,wie:-Verarmung-gestörte Familienbeziehungen-Zerrüttung der persönlichen VerhältnisseAbbildung 1: Diagnosekriterien für pathologisches Glücksspielen nach ICD-10DSM-IV312. Störungen der Impulskontrolle, nicht andernorts klassifiziert312.31 Pathologisches GlücksspielenAndauerndes und wiederkehrendes, fehlangepasstes Spielverhalten, was sich in mindestens fünfder folgenden Merkmale ausdrückt:1. Starke Eingenommenheit vom Glücksspiel (z. B. starke gedankliche Beschäftigung mitGeldbeschaffung)2. Steigerung der Einsätze, um gewünschte Erregung zu erreichen3. wiederholte erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben4. Unruhe und Gereiztheit beim Versuch, das Spiel einzuschränken oder aufzugeben5. Spielen, um Problemen oder negativen Stimmungen zu entkommen6. Wiederaufnahme des Glücksspielens nach Geldverlusten7. Lügen gegenüber Dritten, um das Ausmaß der Spielproblematik zu vertuschen8. illegale Handlungen zur Finanzierung des Spielens (wird im DSM-5 gestrichen)9. Gefährdung oder Verlust wichtiger Beziehungen, von Arbeitsplatz und Zukunftschancen10. Hoffnung auf Bereitstellung von Geld durch DritteAbbildung 2: Diagnosekriterien für pathologisches Glücksspielen nach DSM-IVII BasiswissenDefinition nach DSM und ICDS.2

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELLiteraturAmerican Psychiatric Association (1994). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders.(fourth edition). Washington, DC: American Psychiatric Press.American Psychiatric Association (2012). DSM-5 Development. Substance Use and .:Accessed 25 January 2012.Bolen, D. W. & Boyd, W. H. (1968). Gambling and the gambler. A review and preliminary findings.Archives of General Psychiatry, 18 (5), 617-630.Pallanti, S., DeCaria, C. M., Grant, J. E., Urpe, M. & Hollander, E. (2005). Reliability and validity of thepathological gambling adaptation of the Yale-Brown Obsessive-Compulsive Scale (PG-YBOCS).Journal of Gambling Studies, 21 (4), 431-443.Raylu, N. & Oei, T. P. S. (2002). Pathological gambling. A comprehensive review. Clinical PsychologyReview, 22 (7), 1009-1061.Raylu, N. & Oei, T. P. S. (2004). Role of culture in gambling and problem gambling. ClinicalPsychology Review, 23 (8), 1087-1114.Volberg, R. A., Abbott, M. W., Ronnberg, S. & Munck, I. M. (2001). Prevalence and risks ofpathological gambling in Sweden. Acta Psychiatrica Scandinavica, 104 (4), 250-256.II BasiswissenDefinition nach DSM und ICDS.3

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIEL1.2 Einordnung des KrankheitsbildsDerzeit gibt es eine wissenschaftliche Diskussion um die korrekte nosologische Einordnung des pathologischen Glücksspielens. Die zentrale Fragestellung dabei ist, welchen anderen Erkrankungen inBezug auf Symptom, Ursache und Verlauf das pathologische Glücksspielen ähnelt.In der bisherigen Einordnung als Impulskontrollstörung gehört das pathologische Glücksspielen zuden Verhaltensweisen, bei denen der Betroffene nicht dazu in der Lage ist, „dem Impuls, Trieb oderder Versuchung zu widerstehen, eine Handlung auszuführen, die für die Person selbst oder andereschädlich ist“ (DSM-IV, American Psychiatric Association, 2000). Ein subjektiv erlebter innerer Spannungszustand vor der Handlung geht dabei mit einer Entlastung nach der Handlung einher, wobeinach der Handlung Reue, Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe auftreten können. Die Schwierigkeit inder Zuordnung zu den Impulskontrollstörungen ergibt sich daher, dass beim pathologischen Glücksspielen von einer Toleranzentwicklung sowie von der Zentrierung der Lebensinhalte um das Glücksspiel berichtet wird. Dies lässt sich mit dem Konzept der Impulskontrollstörung nicht gut vereinen.Die mögliche Einordnung als Zwangsstörung bzw. als Zwangsspektrumsstörung ist ebenfallsproblematisch: Zwangshandlungen werden zumeist auch anfangs nicht als angenehm erlebt und gelten häufig als Vorbeugung gegen ein drohendes Unheil. Außerdem wird die Zwangshandlung nichtvorbereitet und teilweise unmittelbar mehrfach stereotyp wiederholt. Das ICD-10 schließt die Bezeichnung „zwanghaft“ für pathologisches Glücksspielen explizit aus, „denn das Verhalten ist weder imengeren Sinne zwanghaft noch steht es mit der Zwangsneurose in Beziehung“ (ICD-10, World HealthOrganization, 1991).Die dritte diskutierte Alternative ist die Einordnung des pathologischen Glücksspielens als Sucht bzw.als nicht-stoffgebundene Abhängigkeit. Meist werden dabei die Bezeichnungen „Verhaltensabhängigkeit“ („behavioral dependence“) oder „Verhaltenssucht“ verwendet. Unterstützt wird die Diskussiondurch Befunde, die zeigen, dass stoffgebundene und stoffungebundene Abhängigkeiten in dieselbenzentralnervösen Verstärker-Mechanismen eingreifen. Zudem wurden die diagnostischen Kriterien despathologischen Glücksspielens bei der Aufnahme der Diagnose im DSM-III in Anlehnung an die Kriterien der stoffgebundenen Sucht (Abhängigkeit von psychotropen Substanzen) formuliert (MüllerSpahn & Margraf, 2004). In dem gemeinsamen einheitlichen Diagnoseschlüssel der Renten- undKrankenversicherungen ist das pathologische Glücksspielen unter 30791 „Spielsucht" aufgenommen.Auch Betroffene selbst bezeichnen sich überwiegend als „süchtige Spieler".In der fünften Ausgabe des DSM (DSM-5, bislang nur in englischer Sprache erschienen) wird „Disordered Gambling“ in die Kategorie „Sucht und zugehörige Störungen“ aufgenommen. An den Diagnosekriterien ändert sich grundsätzlich nichts, außer dass das Kriterium der illegalen Handlungen ersatzlos gestrichen wird (Rumpf & Kiefer, 2011). Die Klassifikation im ICD-10 als Impulskontrollstörungbleibt bestehen.II BasiswissenEinordnung des KrankheitsbildesS.1

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELLiteraturAmerican Psychiatric Association (2000). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (TextRevision) (fourth edition). Washington, DC: American Psychiatric Press.Müller-Spahn, F. & Margraf, J. (2004). Wenn Spielen pathologisch wird. Basel: Karger.Rumpf, H.-J. & Kiefer, F. (2011). DSM-5: Die Aufhebung der Unterscheidung von Abhängigkeit undMissbrauch und die Öffnung für Verhaltenssüchte. Sucht, 57 (1), 45-48.World Health Organization (1991). International classification of diseases. Geneva: World HealthOrganization.II BasiswissenEinordnung des KrankheitsbildesS.2

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIEL1.3 SpielertypologieDie meisten Spieler lassen sich einer der folgenden Gruppen zuordnen:Soziale SpielerProfessionelle Spieler- Größte Gruppe unterden Glücksspielern- Kleine Gruppe unterden Glücksspielern- Unterhaltung, Freizeitgestaltung- Eher im illegalen Bereich- Kein auffälliges Spielverhalten- Verdienen Lebensunterhalt mit Glücksspielen- Distanziertes und kontrolliertes Verhältniszum SpielenProblematische SpielerPathologische Spieler- Sind gefährdet- Schwerwiegende Probleme mit Glücksspiel- Befinden sich in Übergangsphase- Merkmale: Schuldgefühle, erste Vernachlässigung von Verpflichtungen, erste höhere Geldverluste- Unkontrolliertes Spielverhalten(Meyer & Bachmann, 2005)LiteraturMeyer, G. & Bachmann, M. (2005). Spielsucht. Ursachen und Therapie. Heidelberg: Springer.II BasiswissenSpielertypologieS.1

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIEL1.4EpidemiologieTeilnahme an GlücksspielenDas Spielen um Geld ist für eine große Zahl der Deutschen eine gelegentliche oder regelmäßige Formder weitgehend unproblematischen Unterhaltung und Freizeitgestaltung. Nach repräsentativen Untersuchungen haben zwischen 79.1% und 86% der deutschen Erwachsenen) bereits einmal in ihremLeben an einem Glücksspiel teilgenommen (vgl. Tabelle 1: Sassen et. al, 2011; BZgA, 2012). Knappdie Hälfte (48%-50,7%) berichtet in den letzten 12 Monaten gespielt zu haben. Ähnliche Werte zeigensich in der erwachsenen bayerischen Bevölkerung: 78,1% geben an mindestens einmal in ihrem Leben an einem Glücksspiel teilgenommen zu haben (vgl. Hochrechnung von Sassen & Kraus, 2011).Dabei weisen Männer (81,9%) eine etwas höhere Lebenszeitprävalenz auf als Frauen (74,3%). In denvergangenen 12 Monaten haben 46,9% der Bayern an einem Glücksspiel teilgenommen, wobei Männer wiederum häufiger berichteten gespielt zu haben als Frauen (53,2% vs. 40,5%). Daraus ergeben1sich für Bayern entsprechend folgende Absolutwerte: 9,8 Mio. bzw. 5,9 Mio. (siehe Abschnitt Glücksspielverhalten in Bayern).Pathologisches GlücksspielenWeltweite Prävalenzschätzungen für pathologisches Glücksspielen (PG) ergeben, dass 0,1% bis 4,5%der erwachsenen Bevölkerung in den vergangenen zwölf Monaten problematisches Spielverhalten(PrG) gezeigt haben und 0,02% bis 2% die Diagnose pathologisches Glücksspielen erfüllen (Sassen,Kraus & Bühringer, 2011). In Deutschland liegt aktuellen Studien zu Folge der Anteil der Personen, diein den vorangegangenen zwölf Monaten die Kriterien für PG nach DSM-IV erfüllten, bei ca. 0,2% bis0,6% der erwachsenen Gesamtbevölkerung (vgl. Tabelle 1; Bühringer et al., 2007; Buth & Stöver,2008; BZgA, 2008; BZgA, 2010; Sassen et al, 2011; Meyer et al., 2011; BZgA, 2012). Bei weiteren0,2% bis 0,6% wird angenommen, dass bereits Probleme mit Glücksspielen bestehen (Sassen &Braun, 2012).1Bevölkerungsstand in Bayern 31.12.2010: 12 538 696 EinwohnerII BasiswissenEpidemiologieS.1

PRAXISHANDBUCH GLÜCKSSPIELTabelle 1:Übersicht problematisches und pathologisches Glücksspielen in Deutschland undBayernPathologisches Glücksspielen 1Gesamtdeutschland%NBühringer et al.0,2103.000(2007) 3, 4(KI 0,1-0,4) (KI 56.000-168.000)Problematisches Glücksspielen 23.000(KI 8.000-28.000) (KI 0,2-0,4) (KI 88.000-220.000) (KI 13.000-33.000)Buth & Stöver(2008) 3, 40,6291.00044.0000,6333.00050.000BZgA (2008) 3, 40,299.00015.0000,4213.00032.000BZgA (2010) 5, 60,4232.00035.0000,6330.00050.000Sassen et al.(2011) 5, 60,3(KI 0,1-0,4)Meyer et al.(2011) 7, 80,3180.00028.000(KI 0,2-0,5) (KI 103.000-257.000) (KI 16.000-39.000)BZgA (2012) 9, 100,5134.00021.0000,2103.00016.000(KI 77.000-191.000) (KI 12.000-29.000) (KI 0,1-0,3) (KI 52.000-150.000) (KI 0040.0001)mindestens fünf DSM-IV Diagnosekriterien erfülltdrei bis vier DSM-IV Kriterien erfüllt3)Gesamtbevölkerung Deutschlands zum 31.12.2005 umfasst 52.010.517 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt)4)Gesamtbevölkerung Bayerns zum 31.12.2005 umfasst 7.848.723 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt)5)Gesamtbevölkerung Deutschlands zum 31.12.2008 umfasst 51.589.786 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt)6)Gesamtbevölkerung Bayerns zum 31.12.2008 umfasst 7.886.748 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt).5)Gesamtbevölkerung Deutschlands zum 31.12.2009 umfasst 51.418.822 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt)6)Gesamtbevölkerung Bayerns zum 31.12.2009 umfasst 7.888.549 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt).9)Gesamtbevölkerung Deutschlands zum 31.12.2010 umfasst 51.566.420 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt)10)Gesamtbevölkerung Bayerns zum 31.12.2010 umfasst 7.950.075 Personen (18-64 Jahre; statistisches Bundesamt).2)Jugendliche SpielerEs gibt Hinweise darauf, dass mindestens die Hälfte aller Spieler in Deutschland, Spanien und Holland unter 30 Jahre alt sind (Becona, 1996). Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, das Spielverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener zu untersuchen. Dies gilt umso mehr, da das Ausmaßan Problemen, die mit Glücksspielen einhergehen, sich zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zuunterscheiden scheint. Eine Metaanalyse von 119 Prävalenzstudien hat gezeigt, dass die Prävalenzenvon PrG und PG bei Jugendlichen signifikant höher sind als bei Erwachsenen (Shaffer, Hall & VanderBilt, 1999). Aktuelle Studien zu Glücksspielproblemen bei Jugendlichen weltweit weisen Werte von1,8% bis 15,1% für riskantes sowie 0,4% bis 26% für problematisches Glücksspielen auf (siehe hierzudas Review von Sassen, Kraus & Bühringer, 2011). Für Deutschland liegen zum problematischenbzw. pathologischen Glücksspielen von Jugendlichen zurzeit kaum Prävalenzschätzungen vor. DerBZgA (2012) zufolge zeigen 1,31% der deutschen Jugendlichen im Alter von 16-17 Jahren problematisches bzw. pathologisches Spielverhalten. Allerdings wurde nicht zwischen PrG und PG differenziert.Bezüglich ihres Spielverhaltens berichten 44,3% der Jugendlichen der neunten und zehnten Klasse inDeutschland von der Teilnahme an einem Glücksspiel in den vergangenen 12 Monaten. In Bayerngeben sogar 46,9% der befragten Jugendlichen an innerhalb des letzten Jahres gespielt zu haben.Wie Abbildung 1 zeigt, beteiligen sich sowohl bundes- als auch landesweit mehr Jungen als Mädchenan Glücksspielen. Ein Vergleich zwischen den einzelnen Schulformen zeigte, dass die 12-MonatsPrävalenz der Spielteilnahme bei Gymnasiasten am höchsten ist (Ludwig, Braun, Pabst & Kraus,2012).II BasiswissenEpidemiologieS.2

PRAXISHANDBUCH 349,046,941,6 40,743,3 43,943,846,140%30%20%10%0%GesamtAbbildung onats-Spielteilnahme an irgendeinem Glücksspiel bei bayerischen JugendlichenRisikofaktoren für pathologisches GlücksspielenAus Übersichtsarbeiten (Shead, Derevensky & Gupta, 2010; Johansson et al., 2009; Bühringer, Kräplin & Behrendt, 2012; Becker et al., 2009; Raylu & Oei, 2002; Burton, Netemeyer & Andrews, 2000;Sonntag, 2005), Querschnittstudien (Lund, 2007; Clarke et al., 2006) und prospektiven Studien (Abbott, Williams & Volberg, 2004; Winters et al., 2002; Dickerson, Haw & Shepherd, 2003; Slutske et al.,2005) lassen sich Risikofaktoren ableiten, die mit der Entwicklung pathologischen Spielverhaltensassoziiert sind. Dazu gehören (1) soziodemographische, psychologische und biologische Personenfaktoren, (2) soziale und Umweltfaktoren bzw. spielbezogene Aspekte. Gesichert gilt beispielsweise,dass Männer vermehrt zu exzessivem Spielverhalten neigen als Frauen (Johansson et al., 2009).Zudem weisen jüngere Personen ein höheres Risiko auf, die Kontrolle über ihr Spielverhalten zu verlieren als ältere Personen. Für erhöhte Prävalenzen von PG bei ethnischen Minderheiten (Cuadrado,1999; Lesieur & Rosenthal, 1991) oder Patienten psychiatrischer Einrichtungen (Shaffer, Hall & Vander Bilt, 1999) bestehen ebenfalls konsistente Befunde in der Glücksspielforschung. So stellen einevorhandene Alkohol- oder Substanzabhängigkeit, eine Zwangsstörung oder kognitive Vulnerabilitätenwie eine ausgeprägt Kontrolli

Rainer Mesch , Schuldnerberater ISKA Nürnberg, Vorstand Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Bayern e.V. Dr. Volker Premper , AHG Klinik Schweriner See . 2.2 Ablauf der Schuldnerberatung 2.3 Hinweise zur Vorbereitung des Ersttermins bei der Schuldnerberatung