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AUSGABE 28 · WEIHNACHTEN 2006 · BONN und die REGIONHoffnungen im WüstensandWeihnachten am HindukuschVon Joachim Gerhardts ist dunkel am Hindukusch. Vielschneller als im 5.000 Kilometerentfernten Deutschland versinkt dieSonne hinter den Bergen am Horizont. So vieles ist hier anders als zuHause. Doch an diesem Tag gibt es einFest, das die verschiedenen Weltenmiteinander zu verbinden scheint.Zumindest für ein paar Stunden. Es istWeihnachten. »Stille Nacht, heiligeNacht« erklingt aus einer Holzhütteim Zentrum von »Camp Warehouse«,dem zentr alen Hauptlager derBundeswehr in Afghanistan. Langsamschwärmen die Töne aus über dieplanquadratisch geraden Wege entlang der Schlafunterkünfte und Sammelquartiere.»Oase« heißt der Holzbau. Sie ist dieKirche im Lager. Der evangelische undkatholische Militärgeistliche haben zurökumenischen Christvesper geladen.Die Oase ist rappelvoll. In der Mitte des Raumes eingeschmückterTa n n e n b a u m ,zum Fest eigenseingeflogen ausDeutschland. Dereinzige grüneBaum weit undbreit. Mehr als 250Menschen sind andiesem Tag gekommen. An derOrgel, einem EPiano mit Orgelsound, sitzt Major Felix Hoyer-Distel (37). Er spielt auch daheim in seinem Dorf zwischen Taunusund Westerwald die Orgel zu den Gottesdiensten. In Afghanistan ist der Berufssoldat über Nacht zum Kantor geworden und dirigiert auch den zwölfMann und zwei Frauen starken Kirchenchor.»Oh du fröhliche«. Der Chorstimmt an, andächtig, feierlich. Für viele in der stimmgewaltigen Gemeinde istdieser Gottesdienst heute der wichtigste seit langer Zeit. Und das nicht nur,weil die meisten daheim wohl eher selten den Weg in die Kirche finden. »Dubist hier vielleicht am Ende der Welt,aber nicht allein.« Das ist für MajorHoyer-Distel die Botschaft an diesemWeihnachtsfest. Ob mit »nicht allein«Gott gemeint ist oder ein tief empfun-Opium fürs Volk? – DasThema »Hoffnung« in einerkirchlichen Zeitung erwecktden Verdacht organisierterRealitätsverweigerung. Und inder Tat, es gibt eine kirchlicheUnheilsgeschichte, die KarlMarx zu Recht mit demDiktum vom »Opium fürsVolk« kritisiert hat.Doch christliche Rede vonHoffnung übertüncht nichtbittere Realität. Sie weitet vielmehr die Wahrnehmung. Istdoch heute eher ein allzu aufgeklärtes Denken zum Opiumgeworden, das verhindert,Wirklichkeit wahrzunehmen,die das Messbare übersteigt.Solche Wirklichkeit entziehtsich logischer Beweisbarkeit.Es ist wie bei der Liebe. Biochemisch beschreibbare Vorgänge erfassen nicht, was liebende Menschen erfahren.Man kann aber schwärmen,anderen davon singen undsagen.Zu solchen Hoffnungsgeschichten gehört auch die Weihnachtsgeschichte. Dass GottMensch wird, dass sein Kommen in die Hoffnungslosigkeitdieser Welt neue Zukunft öffnet – beweisen kann das keineKirche der Welt. Aber davonsingen und sagen werden wirwieder und laden Sie ein, esauch wieder zu versuchen.Vielleicht öffnet sich Ihnenganz neu eine ungeahnteHoffnungsgeschichte!Foto: privatSo ist es auch mit der Hoffnung, die Christen erfüllt.Darum finden Sie in dieserAusgabe Erzähltes von denRändern des Lebens, desWohlstandes, des Lichtes.Gesegnetes Christfest!IhrDr. Eberhard Kenntner– Superintendent –Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel»Oh du fröhliche «: Major FelixHoyer-Distel an seiner »Orgel«.Ein kurzer Moment des Durchatmens: Ökumenischer Weihnachtsgottesdienst im»Camp Warehouse« in Kabul (oben). Wenig weihnachtlich ist der Blick aus demMilitärjeep: Sandsturm über Kabul (links).Foto: epdLiebe Leserin,lieber Leser!Foto: privatEdenes Gefühl von Zusammengehörigkeit der Truppe, bleibt offen. Es ist auchnicht entscheidend. Hoyer-Distelspricht von »Familiengottesdienst«. Diebekannten Lieder und Texte schlageneine unsichtbare Brücke zu den Ehepartnern, Kindern und Freunden inder Ferne und stärken zugleich die Gemeinschaft vor Ort.Doch die »gnadenbringendeWeihnachtszeit« ist zeitlich beschränkt.Nach dem Segen ruft sofort der Dienst,von dem keiner sicher sagen kann, wasdie nächsten Stunden bringen.Das ist nun fast ein Jahr her. FelixHoyer-Distel hat die Bilder noch vorAugen. Mit vielen Erwartungen, auchHoffnungen ist er im November 2005nach Afghanistan gegangen. »Das warfür mich eine berufliche wie persönliche Herausforderung.« Fast ein Jahrhatte er Zeit, mit seiner vier Jahre jüngeren Frau die Entscheidung zu diskutieren. »Die Zeit haben wir gebraucht.« Seine Frau Leonie hat dieEntscheidung am Ende mitgetragen.Auch, nachdem gleich beim ersten Erkundungsbesuch in unmittelbarerNähe zum Lager ein Anschlag verübtworden war. »Alles hat gezittert«, weißHoyer-Distel noch genau. Keine 800Meter entfernt sei die Granate explodiert. »Der Tod ist in Afghanistan allgegenwärtig«, sagt er und resümiert:»Dort brauchst du eine Schutzmauer,eine technische und eine mentale.« Erkönne sich an kaum einen Augenblickerinnern, in dem er nicht »irgendwieangespannt« gewesen sei – Ausnahmedie Gottesdienste, die wöchentlicheChorprobe und die Telefonate mit seiner Frau im fernen Deutschland.Die »große Hoffnung, dass es in diesem zerschundenen Land rasch besserwird«, ist Felix Hoyer-Distel im kargenWüstensand in und um Kabul abhanden gekommen. Wenn überhaupt kanner »kleine Hoffnungsgeschichten« erzählen: von Kindern, die Drachen steigen lassen, von Menschen, die von diakonischen Altkleidersammlungen ausgestattet nicht mehr frieren müssen,von Polizisten, die gelernt haben, denVerkehr zu lenken. Doch viel ist es nicht.Die Arbeit als Leiter einer 17-köpfigenEinheit für Computer-, Funkund Satellitentechnik vor Orthat ihn erfüllt. Das ist zu spüren.Aber was hat es demLand gebracht? FelixHoyer-Distel zucktmit den Schultern.»Ich habe denKopf für das Vaterlandhingehalten. Dazu stehe ichauch heute«, sagt er bedächtig. Ob dieBundeswehr am Hindukusch bleibensoll, der Einsatz gar in den noch viel weniger kontrollierbaren Süden des Landes ausgedehnt werden soll? Felix Hoyer-Distel schaut in die Ferne undschweigt.64 deutsche Soldaten sind bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen.Major Hoyer-Distel ist nach fünf Monaten heil wieder zurückgekommen.»Gott sei Dank«,sagter. Dieses Jahr spielter am HeiligenAbend die Orgel wieder in seinerB u r gSchwalbach, »einer mehr als1.000 Jahre altenevangelischenKirche«, sagt ernicht ohne Stolz.Antritt in seinerDienststelle in Kölnist erst wieder im neuen Jahr. Ob er bald wiederrunter muss? »Ich hoffe, erst einmal nicht«, sagt er und ergänztleise: »Ichweiß, wasich zuhause habe.«Unsere ThemenWenig Hoffnung:Aus dem Siegburger Knast3Viel Hoffnung:Ein Kind an Weihnachten3Hoffnungen auf ZeitBesuch im Café Koko4Enttäuschte Hoffnungen:Eine Weihnachtsgeschichte5

Seite 2Dezember 2006Foto: Joachim GerhardtKinderarmut bekämpfenDiakonie-Chef Ulrich Hamacher über die Lage von Kindern und FamilieHamacher: Es sind sogar noch mehr.Unserer Einschätzung nach leben inBonn an die 10.000 Kinder an der Armutsgrenze. Das ist erschreckend undAusdruck einer negativen Entwicklung, die zunimmt. Wir haben in Bonnmindestens 900 Jugendliche, die nachder Schule keinen Ausbildungs- oderArbeitsplatz finden. Da fahren Biografien früh vor die Wand. Wo findenMenschen da Lebensperspektiven? Wiekönnen da Hoffnungen wachsen?PRO: Wo sehen Sie die Ursachen?UlrichHamacher,Geschäftsführer derDiakonie inBonn und BadGodesbergVoreifel.aus der Statistik der Langzeitarbeitslosen. Denn wer einen solchen »Job« hat,verschwindet aus der Statistik, wie sichjetzt auch in den Zahlen zeigt. Nach inder Regel sechs Monaten kommt er –oder sie – aber wieder. Zuverlässig.PRO: Wo sind Familien besonders betroffen?Hamacher: Weder Bonn noch dieumliegenden Kommunen sind Inselnder Seligen. Wachsende Langzeitarbeitslosigkeit wirkt sich aus, auch beiuns. Wer von Arbeitslosengeld (ALG)II lebt, lebt materiell schlecht. Für einKind gibt es 207 Euro im Monat. Wirverstehen unter Armut die Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben. Es geht um die finanziellen Lebensgrundlagen, um Teilhabe, Bildung, soziale Integration. So haben esCaritas und Diakonie schon 1994 inihrem Armutsbericht für die StadtBonn gesehen. So ähnlich sieht esübrigens die sehr lesenswerte Armutsdenkschrift der EKD vom Juni 2006.Hamacher: Gerade kinderreiche Familien und auch Alleinerziehendenhaushalte sind von der Armut besonders betroffen. Sie machen zumBeispiel in der Schuldnerberatung einen erschreckend hohen Anteil der Fälle aus. Und die Fälle in der Schuldnerberatung sind ein aussagekräftigerGradmesser für die soziale Entwicklung einer Stadt oder Region. Das neueElterngeld nützt übrigens auch nur denen, die recht gute Einkommen haben.PRO: Hartz IV hat da nichts verbessert?Hamacher: Die Studie sollte für unsein Alarmsignal sein. Es ist kein Zufall,dass gerade Kinder aus den »benachteiligten« Gesellschaftsschichten es in derSchule schwer haben. Ausgrenzungenin der Schule aus sozialen Gründensind für junge Menschen eine Katastrophe.Viele Eltern können sich zumBeispiel Schulbücher ihrer Kinder nichtmehr leisten. Dass der Bonner Stadtratjetzt beschlossen hat, die Schulbücherfür Hartz IV-Kinder zu bezahlen, ist einerster Schritt. Er reicht aber nicht aus.Es gibt viele Familien, die keinen Anspruch auf Hartz-IV haben, und dennoch jeden Euro zwei Mal umdrehenmüssen. Der Schulbesuch kostet mit allem, was so anzuschaffen ist, pro Kindund Jahr etwa 180 Euro. Das ist fast einMonats-»Einkommen« für ein Kind imHartz IV-Bereich.Hamacher: Die Zahl der so genanntenBedarfsgemeinschaften, die von Leistungen nach Sozialgesetzbuch II(»Hartz IV«) leben, ist viel höher, alsder Bund sie vorher prognostiziert hatte. Bei den hiesigen Sozialämtern hatman das vorher gewusst und war zuRecht sehr unzufrieden mit denBundeszuweisungen für die Verwaltungskosten der ARGEN, also der vonKommune bzw. Kreis zusammen mitder Agentur für Arbeit gebildeten Arbeitsgemeinschaften zur Umsetzungdes SGB II. Jetzt arbeiten die ARGENund haben eine eigentlich unlösbareAufgabe vor sich: Sie sollen Langzeitarbeitslose in einen Arbeitsmarkt vermitteln, der diese nicht aufnimmt.Alsoretten sie sich in so genannte Beschäftigungsgelegenheiten (»Ein-EuroJobs«), weil sie wenigstens die schaffenkönnen. Aber das sind in aller Regelkeine Wege in Arbeit, sondern WegePRO: Die Pisa-Studien haben gezeigt,dass es in Deutschland um die Förderung der benachteiligten Schüler besonders schlecht steht.PRO: Die Stadt setzt große Hoffnungin die Offenen Ganztagsschulen(OGS).Unsere persönliche HoffnungFoto: J. GerhardtZeit zum Lebenn Justine Neuhaus (15) und KarolinaKüsters (14) sind Schülerinnen in Bonnund leben in der Südstadt. Dieses Jahrwurden sie konfirmiert.»Wir erhoffen uns von der Zukunft,dass die Menschen wieder mehr aufdie inneren Werte achten. Dazu gehört auch, sich mehr zuzuhören.Unsere hoch technisierte Welt verändert sich rasend schnell. Wir Jüngeren kommen schon kaum mehrmit der Entwicklung mit. Wie gehtes erst den Älteren? Krieg und Hassauf der Erde sind auch die Folge davon, dass Menschen nicht mehrmitkommen. Der Leistungsdruckund die Anforderungen werden immer höher und es wird immerschwieriger, mit der EntwicklungSchritt zu halten und seinen persönlichen Standort zu finden. Wirhoffen auf eine Welt, die uns mehrZeit gibt zum Leben.«Hamacher: Der flächendeckendeAufbau von Offenen Ganztagsgrundschulen (OGS) ist eine gute Sache.Geschwisterkinder an der OGS sollten aber kostenlos betreut werden.Ein Problem sind für viele Eltern dieKosten des Mittagessens im Rahmender OGS. Wenn Bonn eine familienfreundliche Stadt sein will, dann musssie hier ernst machen und die Kinder,die das finanziell brauchen, kostenlosmit Essen versorgen. Die jetzigen Regelungen dazu reichen nicht aus.Hamacher: Zu behaupten, das seigrundsätzlich unvorstel lbar, fäl lt mirschwer. Aber wenn Siedie internen Dienstanweisungen des Jugendamtes zum Umgangmit derartigen Problemen lesen und wennSie wahrnehm e n ,w i ePRO: Wo erleben Sie, dass Kinder inBonn und der Region noch besondersbetroffen sind?Hamacher: Die jüngsten Untersuchungen des Gesundheitsamtes inBonner Kindergärten haben nocheinmal bestätigt, worauf dieMitarbeiter unserer Einrichtungen schon langehinweisen: Es gibt deutliche Entwicklungsstörungen bei vielen Kindern.Übrigens auch Ernährungsprobleme. Unddas nicht nur in denbekannten sozialenBrennpunkten. Wenn dieEltern in einer Situationohne erkennbare Perspektiven leben,tun die Kinder das auch. Die hohenAusgaben der Jugendämter für erzieherische Hilfen, auch für die Unterbringung von Kindern im Heim, machen das Problem sehr deutlich.des Gegenteils behaupte ich: In Bonnwird mit diesen Dingen sehr sorgfältig umgegangen. Bis jetzt.PRO: Was sollte die Stadt für mehrKinderfreundlichkeit tun?Hamacher: Dafür sorgen, dass Kinder nicht aus finanziellen Gründenausgegrenzt werden: kostenlosesMittagessen in Kindertageseinrichtungen und OGS für alle, diedas brauchen. Stärkere Bezuschussung von Schulbedarfen, Kinderfreizeiten, aber auch von Einrichtungender Jugendarbeit. Förderung von Projekten, die sich speziell an Kinder wenden, die mehr Hilfe brauchen. Kostenlosen Besuch der OGS ermöglichen,wenn Geschwister in Kindertageseinrichtungen sind und dort schon einBeitrag bezahlt werden muss.PRO: Nun sollen bis 2009 gerade beidiesen Mitteln in Bonn 1,3 MillionenEuro Einsparungen erzielt werden.Hamacher: Das halte ich für unrealistisch. Entweder gelingt es nicht, oderes geht auf Kosten der Qualität unddamit Wirksamkeit der Hilfen. In diesem Fall kommen die Kosten dannspäter doppelt wieder.PRO: Die Folgen könnten Fälle sein,wie wir sie zuletzt in Bremen um den»Fall Kevin« erleben mussten?Hamacher: Ich hoffe sehr, dass es inBonn und der Region nicht so weitkommt, dass Kinder so vernachlässigt, misshandelt und zu Tode gequältwerden wie in diesem Fall und leiderauch weiteren ähnlichen Fällen.PRO: Ist ein »Fall Kevin« bei unsderzeit vorstellbar?PRO: Was macht Ihnen Hoffnung?Foto: Wolfgang GastPRO: 27.000 Menschen beziehen inunserer Stadt Sozialleistungen. Daruntersind fast ein Drittel, nämlich 8.000, Kinder. Ist das nicht eine Schande für einevergleichsweise reiche Stadt wie Bonn?ernsthaft und auf hohem fachlichenNiveau diese Dinge diskutiert werdenund das auch schon vor dem Bremer»Fall Kevin«, erscheint eine solcheKatastrophe eher unwahrscheinlich.PRO: Die Jugendämter können allerdings nur dann aktiv werden, wenn sieüber Probleme informiert werden Hamacher: Das war in Bremen derFall, und es geschah doch nicht dasNotwendige. So etwas wird in Bonnnicht vorkommen. Bis zum BeweisHamacher: Die OGS auf jeden Fall.Hoffnung macht mir auch die hervorragende Zusammenarbeit zwischenden Wohlfahrtsverbänden, insbesondere die zwischen Diakonischem Werkund Caritasverband. Ein Hoffnungszeichen setzt der Verein »Sterntaler«mit seiner Förderung vieler Kinder.Wir drei Organisationen werden in2007 das Thema Kinderarmut gemeinsam anpacken. Es gibt in Bonnund der Region viele Möglichkeiten,dass sich Menschen engagieren können für andere, die unter die Räderunserer Leistungsgesellschaft gekommen sind. Solange sich immer wiederMenschen vor Ort einsetzen über dashinaus, was die öffentliche Hand leistet, geht mir die Hoffnung nicht verloren.Joachim GerhardtDiakonische Initiativen 2007Schwerpunkte in Bonn und der RegionDie Bonner Diakoniewird ab 2007 in Zusammenar b eit mitdem Jugendamt Bonnund der ARGE eine»Kompetenzagentur« betreiben.Drei Sozialpädagoginnen helfen Jugendlichen überwiegend zwischen15 und 17 Jahren nach der Hauptschule eine berufsbildende Maßnahme oder einen Ausbildungsplatzzu finden.Die Bonner Diakonie wird sich stärker dem Thema Kinderarmut zuwenden. Gemeinsam mit dem Caritasverband und dem Verein »Sterntaler«soll das Thema in die Öffentlichkeitgetragen werden, u.a. mit einer Podi-umsdiskussion am 2. Mai in derSpringmaus.Im Bereich Brüser Berg und Medinghoven arbeitet das DW intensivan der Vernetzung der sozialen Angebote, gemeinsam mit anderen Trägern. Im Rahmen der aufsuchendenJugendarbeit gibt es vom Diakonischen Werk An Sieg und Rhein dasProjekt »Gut-Drauf-Tankstelle«. EinStreetworker des Diakonischen Werkes steht an zwei Wochentagen anden Schulen und am Bahnhof in Eitorf. Dort können die Jugendlichenmit Vitaminsäften und frischem Obst»auftanken« und Kontakt zu demStreetworker aufbauen.Sehr erfolgreich läuft schon einProjekt der Freiwilligenagentur inSiegburg: Ehrenamtliche »Patengroßeltern« werden gesucht, die sich imRahmen von »Großelternfunktionen« um ein Kind oder auch mehrere kümmern.Der Fachdienst für Migrationund Integration des DiakonischenWerkes An Sieg und Rhein führt zusammen mit der Theatergruppe »Inszene« ein Theaterprojekt durch. Dasinteraktive Theaterstück »Willkommen in Kaleidoskopien« soll Menschen mit Migrationshintergrundaktivieren, sich an der Verbesserungihrer Lebensbedingungen zu beteiligen und eine Verbindung herstellenzwischen Benachteiligten an der Basis und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern.ger

Dezember 2006Seite 3Warten auf FrederickVon Jutta Huberti-Poster errechnete Termin ist der 20.Dezember. Sonja (35) und JürgenSchöntauf (44) bereiten sich diesesJahr auf ein ganz besonderes Weihnachtsfest vor. Wenn alles nach Planverläuft, wird das Ehepaar, das geradevon Königswinter-Stieldorf nach Hennef umgezogen ist, am Heiligen Abendihren Sohn in den Armen halten undüberströmen vor Glück. Das Baby sollFrederick heißen und möglichst zuHause geboren werden. »Dann können wir von Anfang an als Familie unseren eigenen Rhythmus leben undich bin als Papa direkt dabei«, sagt Jürgen Schöntauf voller Vorfreude. SeineEhefrau Sonja strahlt mit ihm um dieWette, wenn sie erzählt, dass die jungeFamilie Fredericks Geburtstag wahrscheinlich im Sommer feiern wird –»weil das um Weihnachten herum im-Dmer so schwierig ist«. Nur manchmallegt sich für Sekunden ein Anflug vonTrauer über das Gesicht der schwangeren Frau.Vor drei Jahren feierten Schöntaufszum ersten Mal als Familie Weihnachten. Pauline, die Erstgeborene, gediehprächtig und war der Sonnenschein ihrer Eltern. Wenige Wochen später hatte der Säugling zum ersten Mal Fieber.Dann überschlugen sich die Ereignisse:Kinderkrankenhaus, Diagnose Leukämie, Beginn der Chemotherapie, Lungenentzündung, Blutvergiftung. Pauline starb im Alter von fünfeinhalb Monaten in den Armen ihrer Eltern. Unermessliche Trauer und ein tieferSchock bestimmten danach den Alltag,die Welt lag in Trümmern. Für die weinenden Eltern machte die Unterstützung durch viele Menschen das Lebenallmählich wieder erträglich. SonjaSchöntauf: »Bei all dem, was unswiderfahren ist, hatten wir das Glück,dass viele, viele Menschen uns eng begleitet haben. Wir haben eine MengeEngel kennen gelernt.«»Draht zur Kirche«Hoffnungsschimmer und Rückschläge prägten die Trauerzeit, zweiSchwangerschaften endeten vorzeitigmit Fehlgeburten. Dennoch könnenSonja und Jürgen Schöntauf heutesagen, dass sie durch Paulines Tod»den Draht zur Kirche« wiedergefunden haben. »Die uns begleitendenSeelsorger vermittelten ein Gottesbild, das unseren Empfindungen entsprach. Es war tröstlich zu hören, dassaus der Hand Gottes niemand fallenkann und er nicht allmächtig aber allgegenwärtig ist.«Frederick soll nicht Ersatz für Pauline werden. Seinen Eltern ist be-wusst, dass momentan einganz neuer Mensch mit eigenerPersönlichkeit heranwächst.»Er ist ein total braver Bub«,sagt sein Vater mit einem Augenzwinkern. »Frederickmacht sich zu unserer Beruhigung ständig bemerkbarund weiß, er hat pünktlich zu sein.« Vielleichterfüllt er ja einen Herzenswunsch seiner Mutter Sonja: »Ich würdeHeiligabend gerne indie Christmette nachStieldorf fahren undmich auch überredenlassen, ihn in die Krippezu legen.«Weihnachten 2007:Ehepaar Schöntauf ingespannter Erwartung.Foto: Renate HofmannWenn ein Kind kommt an WeihnachtenOft ohne Hoffnung: Aussicht aus dem Gefängnis auf dem Brückberg.Fotos: Holger Arndt/Bonner General-anzeigerHoffnung im KnastErfahrungen aus dem Siegburger GefängnisNach dem gewaltsamen Tod eines Häftlings ist das Siegburger Gefängnis bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Die Situation ist bedrückend, sagt der evangelische Seelsorger in der Anstalt, Wolfgang Hollerbach. Er hat sich bislang bewusst öffentlich nicht dazu geäußert. ImPROtestant schreibt er nun über die oft hoffnungslose Lage der Menschen im Knast und seine Arbeit als Pfarrer.Die Hoffnung stirbt zuletzt. EinSatz, den wir alle kennen und vielleicht stimmt er ja sogar. Das Eingeschlossensein, das Weggeschlossensein, die totale Reglementierung deseigenen Lebens und die Perspektivlosigkeit lassen die Hoffnung für einen inhaftierten Menschen jedochsehr schnell absterben.LebensmöglichkeitenKirche hat den Auftrag, die Botschaftvom Anbruch der Herrschaft Gottesin dieser Welt, konkret: von Gerichtund Gnade, von der Versöhnung mitGott und den Menschen, von der Vergebung der Sünden, zu verkünden.Dies auch im Besonderen den Menschen, die in der Gefahr stehen, ihreHoffnung zu verlieren oder sie schonverloren haben. Darum erschließtSeelsorge im Gefängnis Menschenneue Lebensmöglichkeiten, indem sieden Inhaftierten hilft, sich ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihreZukunft anzusehen. Sie tut dies, indem sie den Menschen nicht zuerstals Straftäter, sondern als den vonGott geliebten Menschen sieht. Dasheißt für mich: Der Mensch ist immermehr als die Summe seiner Taten.Seelsorge im Gefängnis versucht denvon der Gesellschaft verurteilten und»weggeschlossenen« Straftätern dieBarmherzigkeit Gottes nahe zu bringen, damit die Wirklichkeit des eigenenLebens erkannt, ertragen und eventuell verändert werden kann. Indem siedas tut, bereitet sie den Boden auf demdie Pflanze Hoffnung wieder neuwachsen kann. Wolfgang HollerbachDer »Knast-Psalm«eines InhaftiertenGefängnisseelsorger Wolfgang Hollerbach weiß, wie schwer es ist, dassauch gut gemeinte Worte durch dieinneren Mauern der Menschen dringen. Ein Inhaftierter hat den biblischen Psalm 121 »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.Woher kommtmir Hilfe?« in seine Sprache und seine Stimmung übersetzt:Kommunikation hinterGittern:Die JVASiegburg indiesenTagen.»Ich richte meine von Tränenverquollenen Augen in die Höhe.Woher kommt mir Hilfe?Gott, nur bei dirkann ich mir richtig Luft machen.Du gehörst nicht zu denen,die einem den Hals abdrücken,wo es sowieso schon kaum möglich ist,Atem zu schöpfen.Bei Dir werde ich frei.Ich kann mein Herz erleichternund meinen Kopf klar kriegen.Es ist so still,dass ich die Steine meiner Zelleflüstern höre:Gott lässt Dich nicht fallen!Er bewahrt Dichvor der Hitze deiner Wutund davor, dass die Gedankenmühleder Nacht dich nicht krank macht.Was immer du tust.Er wird dich beschützen,vom Anfang bis zu Ende,jetzt und in Zukunft.Das glaube ich.«

Seite 4Dezember 2006Zielpunkt Abiturn Fawina Kamaldeen (18) ist Migrantin aus Sri Lanka und lebt seit 15Jahren in Deutschland.»Ich besuche im Augenblick dieHandelsschule. Da will ich meineFachoberschulreife schaffen unddann das Abitur. Denn ich möchtegern Englischlehrerin an der Grundschule werden. Ich mag Kinder gern,das Praktikum an der Grundschulein Niederbachem hat mir viel Freude gemacht. Ob ich das schaffe? Ichhabe die Hauptschule geschafft, jetztdie Handelsschule. Warum soll esmir nicht gelingen, auch das Abiturzu erreichen?«»Hoffnung auf Zeit«Besuch im Troisdorfer Café KoKoFoto: Jens Liedtke-SiemsMeine persönliche HoffnungMeine persönliche HoffnungVor allem Selbsterfahrung»Was erhoffe ich von meinem Leben? Geld? Erfolg? Ansehen? Nein,ich erwarte nichts von alledem,würde mich aber trotzdem darüberfreuen. Mit dieser Haltung geheich durchs Leben und merke immer wieder, wie schön es ist, un-Meine persönliche HoffnungHandball-Profi»Meine Hoffnung für die Zukunftist, dass es weniger Kriege undverhofft Manches zu genießen. Gerade dann wirkt das Ganze doppeltso schön. Ich setze mir Ziele undhoffe auf gute Ergebnisse. Ich erwarte von meinem Leben, dieChance zu bekommen, Ziele zu erreichen, nicht aber die bestmöglichen Erfolge zu erzielen. Mankann nicht vom Leben erwarten,für Erfolge zu sorgen. Ein jedermuss die Verantwortung für Erfolgselbst tragen. Wer sein Leben gestalten will, muss selbst erfahren.Das Erlebnis prägt und schafft Mutfür das nächste Ziel.«n Felix Köstner (18) aus Euskirchen istOberstufenschüler der GesamtschuleWeilerswist.Krankheiten gibt. Ich selbst willdas Abitur schaffen, möglichst mitgutem Schnitt. Am liebsten willich Handball-Profi werden, aberdas wird schwer. Wenn nicht, dannwenigstens einen anderen gutenBeruf kriegen. Und ich möchtegerne hier wohnen bleiben. Übermehr habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Für die Kirchehoffe ich, dass immer genug Leutedazugehören werden.«n Lukas (13) aus Sankt AugustinNiederpleis ist Schüler aus der 8. Klasse am Albert-Einstein-Gymnasium inSankt Augustin.Klare Regeln im Café KoKo: »Kein Konsum, kein Handel, keine Gewalt!«Eine alte Eingangstür, fades künstliches Licht im muffigen Treppenhaus.An der Tür deutliche Hinweise: KeinHandel! Keine Gewalt! – Hinter derTür aber erwartet den Besucher einefreundliche Atmosphäre. Es gibt Kaffee und Kuchen, meist auch ein warmes Mittagessen, bequeme Stühleund Pflanzen. Seit 1991 hat das CaféKoKo in der Troisdorfer Innenstadtan Werktagen von 12.30 bis 16.00 Uhrgeöffnet. Es ist das Kontaktcafé fürDrogenabhängige in Trägerschaft derDiakonie »An Sieg und Rhein«.Was heißt Hoffnung an diesem Ort?Für die Beschäftigten? Für die Abhängigen? Nicolas Böhlig ist der Koordinator des Cafés. Ein Mensch, der seineWorte genau abwägt. Er berichtet vonder wachsenden Anspannung bei denBesuchern des Cafés vor Weihnachten.»Die Stimmung ist gedrückter, manchmal auch aggressiver«, sagt er. Es gebeeinen hohen Redebedarf bei den meistmännlichen Besuchern. Um die Spannung zu mildern, bietet das Mitarbeiterteam kreative Angebote an. »So ver-mitteln wir den Abhängigen ein StückVertrauen in die eigenen Fähigkeiten,wenn ihnen zum Beispiel in einerKleingruppe die Gestaltung eines Fensterbildes gelingt«, erzählt Böhlig. »Amliebsten würden wir sogar mit denKlienten in der Küche Plätzchen backen.« Aber das gehe wegen der Hygienevorschriften nicht. Böhlig sagt dasmit einem Lächeln.Tägliches Auf und Ab»Wir wollen den Hilfesuchenden immer wieder neue Schritte und neueWege aufzeigen«, erläutert Böhlig sein»Hoffnungskonzept«. Das ist manchmal schon schwer. Gerade bei Menschen, die kurz vor dem Ziel immerwieder scheitern. Manche haben kurzvor Antritt einer Therapie einenschlimmen Rückfall und stehen vordem Nichts. »Aber auch hier zeigenwir immer wieder Schritte auf«, beschreibt der Diplom-Sozialarbeiterdas tägliche Auf und Ab der Arbeit.Auf ein reichliches Auf und Ab imLeben kann auch Carsten P. zurück-blicken. Er kam vor drei Jahren zumersten Mal in das Café KoKo undstammt aus Süddeutschland. Um vonfalschen Freunden wegzukommen, rietihm seine Mutter zu einem Ortswechsel. Hoffnung? Das bedeutet für ihn einLeben mit möglichst langen Pausenzwischen Suchtrückfällen. Er nimmtgerade wieder an einem MethadonProgramm teil. Drogen haben sein halbes Leben bestimmt. Er sieht für sichkeine große Chance, jemals ganz freivon Heroin leben zu können. »Ich werde immer wieder auf die Schnauze fallen«, so sein nüchternes Fazit. Geradeweil er darum weiß, genießt er die jetzige Zeit ohne Sucht. »Endlich kann ichmal wieder meinen Verpflichtungennachkommen«, freut er sich. In derZeit des Drogenkonsums waren ihmRechnungen völlig egal. Jetzt bringt erlangsam Ordnung in seine Finanzen.»Es hilft, dass ich mich mal frei im Kopffühle und nachts auch mal ohne Alpträume schlafen kann.« Hoffnung aufZeit, von einem Tag auf den anderen –für Carsten P. ist das schon viel.Jens Liedtke-SiemsWenn das Leben Einschnitte machtSeelsorge bei alten Menschen – Ein Rundgang mit Pfarrer Klaus EberhardDer 34-jährige Pfarrer der ErlöserKirchengemeinde betreut seit dreiJahren sieben Seniorenheime in BadGodesberg. Regelmäßig fährt er mitdem Rad zum Haus auf dem Heiderhof. Hier unterhält die Rheinische Gesellschaft für Innere Missionein evangelisches Altenheim mit 36Plätzen.Die Eingangstüren öffnen sichautomatisch. Fliesen im warmenTon, frische Blumen und Stühleauch für Kinder empfangen die Besucher. Zur Mittagszeit klappert dasGeschirr. Einzelne lesen zum Kaffeenoch die Zeitung. »Wir haben dasPrinzip der Offenen Tür«, berichtetAlexandra Dinspel (31) vom Sozialen Dienst.Den Senioren werden zahlreicheAngebote für ihre Bedürfnisse gemacht: Kurse, Gottesdienste und Konzerte, Ausstellungen und Gymnastik.Die Mitarbeitenden kennen die Biografie der Bewohner. Dabei geht esnicht nur um medizinische Daten,sondern eine ganzheitliche Sicht.Langschläfer, Tatort-Gucker oderHundeliebhaber sollen so weit wiemöglich ihr bisheriges Leben fortführen dürfen, betont Dinspel. Zum Hundespaziergang lädt zum Beispiel eineehrenamtliche Helferin ein.GlücksmomenteDie Kommunikation zwischen Altund Jung spielt eine große Rolle.Dreimal pro Woche treffen sich elfKinder und ihre Erzieherin im Vorkindergarten des Altenzentrums. Siesingen gemeinsam Sankt-MartinsLieder oder backen Plätzchen. Odereine Seniorin liest den Kleinen vor.»Dass sich hier Intergeneratives zusammen entwickelt, ist uns ganzwichtig«, berichtet SozialpädagoginSabine Jacobs (39). Die Kinder haben keine Berührungsängste. »Dassind Momente, die es lebenswert machen, hier zu sein. Wirkliche Glücksmomente.«auch von Mitarbeitenden gehaltenwerden. Sie werden in ihrem eigenenZimmer liebevoll zurecht gemacht,bevor sich Mitbewohner und Mitarbeitende dort versammeln. JederTrost und HaltWenn es auf das Ende des Lebenszugeht, gibt es auch Fragen, die denchristlichen Glauben betreffen. »Ichspreche dann von der Hoffnung, diewir Christen haben«, erzählt PfarrerKlaus Eberhard. Den Bewohnern geben Lieder aus dem Gesangbuch,Psalmworte und Gebete, die sie vonfrüher her kennen, oft Trost undHalt. »Dabei wird das Sterben nichttabuisiert.« So finden Aussegnungsfeiern für Verstorbene im Haus statt,die nicht nur vom Pfarrer, sondernkann etwas sagen und so Abschiednehmen. Sabine Jacobs: »In diesenMomenten wird ganz deutlich, dassdas Sterben zum Leben gehört.«Uta GarbischFoto: Uta GarbischHauptsache gesund. Diese zweiWorte wirken auf Menschen in Seniorenzentren oft wie ein Hohn.Denn wer hier einzieht, ist imDurchschnitt 85 Jahre alt. Markante biografische oder gesundheitliche Einschnitte gehen dem Schrittvoraus. »D

Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel Hoffnungen im Wüstensand Weihnachten am Hindukusch Von Joachim Gerhardt Es ist dunkel am Hindukusch. Viel schneller als im 5.000 Kilometer entfernten Deutschland versinkt die Sonne hinter den Bergen am Hori-zont. So vieles ist hier anders als zu Hause.Doch an diesem Tag gibt es ein Fest, das die .