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4.Einkommen und ArmutSozialbericht 200155

4. Einkommen und Armut1. Meilenstein: SchuldnerberatungDie Übernahme der Schuldnerberatung in die Landeskompetenz durch das Oö. SHG 1998 war eine erfolgreiche Grundlegung für den flächendeckenden Ausbau der Schuldnerberatung in Oberösterreich, die nun weitgehend abgeschlossen ist. Ständige Beratungsstellen (Zentrale und Regionalstellen) gibt es in Linz, Wels, Steyr, Ried, Rohrbach und Vöcklabruck, darüberhinaus finden in Bad Ischl, Braunau, Freistadt, Gmunden, Kirchdorf/Krems, Perg und Schärding regelmäßige Beratungstage statt. Nun liegt der Schwerpunkt beim Ausbau vorbeugender Aktivitäten mit dem Ziel, eine möglichst breite Personengruppe auf „Schuldenfallen“ hinzuweisen und sie bestmöglichst davor zu bewahren sowie in der Öffentlichkeit entsprechende Sensibilität zu erzeugen.Die Schuldnerberatung bietet verschuldeten Einzelpersonen, Familien und Privathaushalten Hilfe zur Selbsthilfe mit demZiel an, die mannigfaltigen Folgeprobleme von Ver- und Überschuldung zu verringern. Schuldnerberatung ist Teil einerumfassenden Lebensberatung, sie ist ebenso Beratung in sozialen Angelegenheiten und damit persönliche Hilfe. Schwerpunkteliegen in der rechtlichen und wirtschaftlichen Beratung, erforderliche psycho-soziale Begleitung und pädagogisch-präventive Hilfe wird gleichermaßen miteinbezogen. Der/die KlientIn wird in seinem/ihrem sozialen Umfeld gesehen und unter diesem ganzheitlichen Bild beraten. Die Beratung erfolgt vertraulich auf den Grundlagen der Freiwilligkeit und der Eigenverantwortung der KlientInnen, sie ist für die Beratenen kostenfrei.2. Meilenstein: Dauerunterstützung in der SozialhilfeIm Oö. SHG 1998 wurde ein eigener Richtsatz für Dauerunterstützte geschaffen, der wie in den Bundesländern Burgenland,Kärnten und Wien als Beitrag zur Entstigmatisierung wirken und als verwaltungsökonomische Erleichterung dieser Personen einen allfälligen Zusatzbedarf in pauschalierter Weise abgelten soll. Anwendbar ist er für Hilfebedürftige, die wegen ihres Alters, ihres Gesundheitszustandes oder ihrer familiären Situation voraussichtlich für längere Zeit oder im Zusammenhang mit einer Hilfe bei Gewalt durch Angehörige auf eine Leistung sozialer Hilfe angewiesen sind. Dieser Richtsatz ist gegenüber dem Richtsatz für einmalige Unterstützung um etwa ein Drittel erhöht.Arm, ja wirklich arm seiensie nicht, sagen Herr undFrau J. fast unisono. Dennarm, damit verbinden sieVorstellungen aus ihrenErlebnissen in den spätenvierziger Jahren. Damals,als sie jung waren, dahaben sie wirkliche Armutkennengelernt. Damals waralles zerstört, fremdeTruppen waren im Land.Nichts gehabt habe mandamals. Um zu überleben,musste man fast jedendritten Tag aufs Landhinaus ziehen, umvielleicht doch noch einenSack Kartoffeln oder harterErbsen zu erhalten, vielmehr einzutauschen. Gegendie wenigen Wertsachen,das Waffenrad oder einenseidenen Schal. Und dasFeuerholz hatte man sichvon Bombenruinen und ausdem Wald geholt, wenn eseinem kein Militärposten564.1. Einkommen undArmut im Überblick4.1.1. Einkommen und EinkommensverteilungDer soziale Status von Menschen wird imWesentlichen durch ihre Stellung zurErwerbsarbeit bzw. zu Besitz geregelt.Die Darstellung der Einkommensverteilungkann daher ein gutes Spiegelbild der sozialen Stellung der Menschen in einem Landschaffen. Dabei wird zwischen funktionellerund personeller Einkommensverteilung unterschieden.Das jeweilige persönliche Einkommen bestimmt in hohem Maße den gesellschaftlichen Rang, Status und die realen Einflussmöglichkeiten, aber auch gesellschaftlichesÜberleben und gesellschaftliche Teilhabe.Einkommensfragen entscheiden über Armutund Reichtum. Diskussionen über gesellschaftliche Einkommensverteilung habenGesellschaften daher polarisiert, seit dem esgesellschaftliche Arbeitsteilung und Geldeinkünfte gibt. Erst die moderne europäischeSozialpolitik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat diese Situation durch wirkungsvolle Maßnahmen gesellschaftlicherUmverteilung, vor allem aber durch denAusbau der Sicherungsnetze der Sozialversicherung (Pensions-, Kranken-, Unfall- undArbeitslosenversicherung) aber auch derSozialhilfe entspannt. In den letzten Jahrenist der Armutsbegriff in der internationalenDebatte zunehmend durch den Begriff desgesellschaftlichen Ausschlusses („Exclusion“) abgelöst worden. Auch die EU hatihrer am Gipfel von Lissabon 2001 festgelegten sozialpolitischen Strategie gegen Armut und soziale Ausgrenzung diesen erweiterten Armutsbegriff zugrunde gelegt.Primärindikatoren für soziale Ausgrenzungsind laut EU-Kommission (1)1 eine Niedrigeinkommensquote (60 Prozent desSozialbericht 2001

Einkommensmedians nach Sozialtransfers),(2) die Einkommensverteilung, (3) andauernde Niedrigeinkommen, (4) Medianwertder Niedrigeinkommenslücke, (5) regionalerZusammenhalt, (6) Langzeitarbeitslosenquote, (7) die Zahl in Arbeitslosenhaushaltenlebender Personen, (8) die Zahl der nicht inWeiterbildung oder Berufsausbildung befindlichen Früh-SchulabgängerInnen, (9) die Lebenserwartung bei der Geburt und (10) dieeigene Gesundheitswahrnehmung.Neben diesen Primärindikatoren gesellschaftlicher Ausgrenzung werden von derEU-Kommission acht weitere Sekundärindikatoren genannt: (11) Streuung derNiedrigeinkommensquoteumdenSchwellenwert von 60 Prozent des Medianeinkommens, (12) an einem Zeitpunkt festgeschriebene Niedrigeinkommensquote, (13)Niedrigeinkommensquote vor Sozialtransfers, (14) Einkommensverteilung (GiniKoeffizient), (15) andauerndes Niedrigeinkommen (berechnet bei 50 Prozent desSchwellenwertes des Medianeinkommens),(16) Langzeitarbeitslosenquote, (17) sehrlange Arbeitslosigkeit, (18) Zahl der Personen mit niedrigem Bildungsstand.Mit diesen Indikatoren sollen die Mitgliedsstaaten und die Kommission in die Lage versetzt werden, mehrere Schlüsselelemente desvielschichtigen Phänomens der Armut undsozialen Ausgrenzung in einer den Vergleicherlaubenden Weise zu messen und damitAnsatzpunkte für gesellschaftliche Inklusion(Überwindung des Ausschlusses) zu entwickeln und anzuwenden.Mit den Nationalen Aktionsplänen gegen Armut sollen die Mitgliedsstaaten konkreteMaßnahmen zur Überwindung bzw. Reduzierung von gesellschaftlichem Ausschlusserreichen.Funktionelle EinkommensverteilungDie funktionelle Einkommensverteilung beschreibt die unterschiedliche Verteilung derEinkommensquellen und stellt den jeweiligen Anteil des Einkommens aus Erwerbsarbeit, aus Besitz, aus selbständiger Tätigkeit,Sozialbericht 2001aus Aktien und Wertpapieren und aus Sparguthaben dar.Die funktionelle Einkommensverteilungtrifft keine Aussagen über die Höhe der jeweiligen Einkommen und ist als Indikator fürdie Armutsberichterstattung daher nur indirekt geeignet, beschreibt aber die unterschiedliche Stellung der einzelnen Gruppender Gesellschaft zu den Produktionsfaktoren(Produktionsmittel).Allerdings muss beachtet werden, dass zahlreiche Personen Einkommen aus mehrerenQuellen beziehen und daher doppelt gezähltwerden können.Personelle EinkommensverteilungDie personelle Einkommensverteilung stelltdie Verteilung des Einkommens unabhängigvon seiner Entstehung auf verschiedenePersonengruppen dar; üblicherweise wirddiese Verteilung durch den Median, dieQuartilsverteilung oder die Dezilverteilungdargestellt.Bei der Darstellung der Einkommensverteilung gibt es in Österreich jedoch zahlreiche methodische Probleme: So eignen sichdie Steuerstatistiken zur Darstellung der Einkommensverteilung aus methodischen Gründen nur sehr bedingt, da die einzelnen Einkommensarten (Lohneinkommen, Erwerbseinkommen, Zinseinkommen) in unterschiedlicher Methodik erhoben und ausgewiesen werden.Gestaltungsmöglichkeiten des steuerpflichtigen Einkommens führen überdies zu einertendenziellen Untererfassung des Einkommens (Vermögens); die unterschiedlichenZeitpunkte des Einhebens von Lohnsteuerund Einkommenssteuer und die sich durchDienstnehmerInnenveranlagung wie Einkommenssteuererklärung ergebenden langenFristen erschweren die Aktualität der aus denSteuerstatistiken ermittelten Einkommensverteilungen.wieder abgenommen hatte.Ja, damals, das sei Armutgewesen. Aber heute.Und dennoch, sie haben zuwenig Geld zur Verfügung.Sie sind beide in Pension,aber die ist fast ein Nichts,obwohl sie das ganze Lebengearbeitet hatten; sie imHaushalt und er am Bau,auf Saison, wie er stolzsagt. Aber beide sind immerwieder an Dienstgebergestoßen, die sie einfachnicht angemeldet hatten beider Sozialversicherung. Daswaren halt die Zuständedamals, sagen sie, und unswar’s auch recht, gab’sdafür doch etwas mehrGeld bar auf die Hand.Heute müssen sie von derMindestpension leben, vonknapp 900,- im Monat. Zuzweit. Davon gehen 300,- ungeschaut gleich wiederhinaus; Miete, Strom undGas müssen ja gezahltwerden. Sie sind von derTelefongrundgebühr befreitund von der Rezeptgebührohnehin. Und sie könnensich ihre regelmäßigenEinkäufe leisten; nichtimmer alles, was sie wollen,aber es geht immerhin.Problematisch wird es,wenn wieder einmal etwaskaputt wird. Einen neuenHerd könnten sie sichbeispielsweise nicht leisten.Selbst die Frage, ob daszerschlissene Tischtuchendlich ersetzt wird, wie dieTochter immer wiederfordert, wenn sie aufBesuch ist, wird Monat fürMonat verschoben. Undwegen der längst fälligenneuen Couch werden siedemnächst einmal insCaritaslager schauen. Siewären ja schon längst dortgewesen, wenn da nicht dieungeklärte Frage desTransportes gewesen wäre.Auto haben sie kein eigenesund Bekannte, die ihnengeholfen hätten, auchnicht. Zu alt, zu schwachoder ebenfalls kein Auto.Und ihre Tochter wollen siedeswegen nicht fragen.57

Aber ein Weilchen tut’s diealte Couch auch noch,trösten sie sich dannwieder.Nein, arm sind sie nicht,obwohl es schon Zeiten inihrem Leben gab, in denenes ihnen besser gegangenist; deutlich besser, wieHerr J. fast nachdenklichanfügt.Elfriede Z. ist zweiundzwanzig Jahre alt, aber siefühlt sich bereits irgendwiewie eine Rekordhalterin.Denn sie hat schon eineMillion Schulden zusammengebracht in ihremAlter; Schilling natürlich,wie sie noch in der altenWährung denkend anmerkt.Vor allem Telefonkosten,das Handytelefonieren warschon sehr verlockend undwenn’s bei einem Anbieterwirklich nicht mehrgegangen ist, gab’s jaimmer noch einen anderenAnbieter. Derweilen sinddie Außenstände gewachsen, Zinsen und Zinseszinsen und Mahnspesen undGerichtskosten. Und es warnicht nur das Handy,sondern auch dieVersandhauskataloge habenes ihr angetan. Nicht nurdie Kataloge, sondern auchdie schönen Sachen, die daabgebildet waren. DerBestellschein war immerleicht ausgefüllt, Briefmarke drauf und bald daraufwar der Briefträger wiedereinmal mit einem Päckchenda. Erlagscheine wurdenweggeworfen, Mahnbriefenicht aufgemacht und wenndann wirklich einmal einGeldeintreiber vor der Türgestanden ist, hat sie sichschnell Geld ausgeborgtoder ihr Konto überzogen.Und natürlich einen Kreditgenommen.Schließlich ist das Kontonicht mehr weiter überziehbar gewesen und die Bankwollte den Kredit fälligstellen, weil die Ratenschon seit Monaten nichtmehr gezahlt wurden.58Die übliche Grundlage für die Darstellung derEinkommensverteilung sind daher die Datender gesetzlichen Sozialversicherung. Damitkönnen jedoch nur die Erwerbseinkommen(selbständige und unselbständige), nicht aberdie Besitzeinkommen dargestellt werden, dadiese nicht sozialversicherungspflichtig sind.Die Einkommen lassen sich durch dieSozialversicherungsdaten nur innerhalb derVersicherungspflichtgrenzen (untere2 Grenze ist die Geringfügigkeitsgrenze von309,38 , obere erfassbare Grenze ist dieHöchstbeitragsgrundlage von 3.360,00 imASVG) darstellen. Daher ist bei einer Darstellung der Einkommensverteilung aufGrundlage der Sozialversicherungsdatenauch kein Durchschnittswert, sondern nurein Medianwert zu ermitteln; das obersteDezil (bei Angestellten: die obersten beidenDezile) sind nur „offen“ darstellbar, d.h. esist nur zu sagen, wie viele Menschen sich inder Gruppe der am besten verdienenden 10Prozent befinden, aber nicht, wie viel siedurchschnittlich verdienen.Fußnoten:Kommission der EU, 2001, S. 3ff2Werte für 2003 auf der Grundlage eines 14maligen Bezuges; für 12 Monatsbezüge (beiSelbständigen üblich) sind diese Werte aufJahreszwölftel umzurechnen, wodurch sieentsprechend höher sind.14.1.2. ArmutArm ist das Gegenteil von reich. Diese Feststellung ist an sich banal, aber sie macht deutlich: Armutspolitik ist Verteilungspolitik.Es geht dabei in einer umfassenden Sicht umdie Verteilung von Einkommen, Vermögen,Schulden, Bildung, Wohnraum, Gesundheit,Erwerbsarbeit, Arbeitsbelastung, etc. Armuterzeugt gesellschaftlichen Ausschluss, aberdieser Ausschluss wird nicht nur durch Geldarmut, sondern auch durch andere Faktoren(z.B. Langzeitarbeitslosigkeit, zu geringeBildung, etc.) verursacht.Die ungleiche Betroffenheit von Armut undgesellschaftlichem Ausschluss lässt sichlängs der Linien des Geschlechts, der Bildung, der Region, der sozialen Schicht, desBerufes oder der Herkunft festmachen. Oftentsteht (verfestigte) gesellschaftlicheAusgrenzung durch einen Zusammenfallmehrerer Faktoren bei der jeweiligen Person(Personengruppe).Armut ist das Ergebnis gesellschaftlicherVerteilung, sie ist ein Ausdruck für das Versagen oder die Überforderung gesellschaftlicher Verteilungspolitik und sie ist dasHandlungsfeld gesellschaftlicher Sozialpolitik wie der privaten Wohlfahrt.Aus dieser breiten Definition kann man unterschiedliche Armutsdefinitionen entwickeln. Üblicherweise werden folgende Faktoren eines umfassenden Armutsbegriffesfestgemacht: Absolute Armut: Eine absolute Lebensgrenze (Warenkorb) wird unterschritten. Relative Einkommensarmut: Einkommen (Geldmittel) unterschreiteneinen Richtwert, der an den Durchschnittsverdiensten orientiert ist. Relative Ausgabenarmut: Konsumniveau unterschreitet einen Anteil desDurchschnittskonsums. Ausstattungsarmut: Minderausstattung der Haushalte mit lang lebigenKonsumgütern. Soziale Ausgrenzung: fehlende Teilhabe am gesellschaftlichen GescheSozialbericht 2001

hen wird als „soziale Armut“ begriffen.Absolute Armut kommt in Mittel- undWesteuropa eigentlich kaum vor, denn absolute Armut bedeutet eine Verarmung auf einem Niveau, auf dem das physische Überleben gefährdet ist. Diese Armutsform findetsich vor allem in Entwicklungsländern. Füruns relevant ist hingegen die relative Einkommensarmut, üblicherweise durch Richtwerte definiert. Folgende „Armutsgrenzen“kommen dabei1 zur Anwendung: „Ausgleichszulage“: 643,54 fürAlleinstehende, 965,53 für Ehepaaresowie 68,49 für jedes unterhaltsberechtigte Kind „Pfändungsgrenze“: Existenzminimum liegt bei 750,- ohne Sonderzahlungen bzw. bei 643,- bei 14Jahresbezügen. Insbesondere bei Unterhaltspfändungen können dieseGrenzen unterschritten werden „SH-Richtsatz“: Es gibt keinen bundesweit einheitlichen Wert, in Oberösterreich liegen die Richtsätze fürAlleinunterstützte bei 506,40 bzw.als gehobener Richtsatz bei 525,50 .Als Armutsgefährdung wird ein Lebenknapp an der Armutsschwelle (Schwellenwert: 60 % des Medianeinkommens proKopf) definiert. Ein Zustand akuter Armutherrscht dann vor, wenn zusätzlichmindestens ein Faktor (a) Substandardwohnung, (b) Miet- bzw. Kreditrückstände,(c) Probleme beim Heizen, (d) Kleidungskaufunmöglich, (e) Unmöglichkeit, zumindest 1x im Monat jemanden zu „bekochen“, vorkommt.Überproportional armutsgefährdet sind n, Langzeitarbeitslose,AlleinerzieherInnen, Familien mit 3 chuldete Haushalte.Unter Ausstattungsarmut2 wird jene Armutverstanden, die durch eine mangelhafte Ausstattung des Haushaltes mit wesentlichenSozialbericht 2001(langlebigen) Konsumgütern gekennzeichnet ist. Ausstattungsarmut fällt nicht immermit Einkommensarmut zusammen.Vor allem Haushalte älterer Menschen sindunterdurchschnittlich ausgestattet, hier bestehen differenzierte Motivationen für dieNichtanschaffung moderner langlebigerKonsumgüter (vom „es lohnt sich nichtmehr“ bis zur Überforderung im Umgangmit neuer Technik).Zwischen den Faktoren Gesundheit und Armut bestehen komplexe Zusammenhänge.Armutsgefährdung erhöht das Gesundheitsrisiko (Berufskrankheiten i.w.S., chronischeKrankheiten, Fehlernährung, Sucht, etc. sindtypischerweise schichtbezogen verteilt), aberes gilt auch der gegenteilige Wirkungszusammenhang: (chronische) Erkrankungenbzw. Behinderungen verschlechternArbeitsmarktchancen und erhöhen dasArmutsrisiko.Ebenfalls relevante Beziehungen bestehenzwischen Geschlecht und Armut.Geschlechtsspezifische Armutsrisken bestehen vor allem durch die Rollen der Alleinerzieherinnen, der Hausfrau und Mutter(insbesondere wenn berücksichtigt wird, dasswir über die tatsächlichen innerfamiliärenVerteilungseffekte kaum Informationen haben3). Frauen haben oft schlechtereArbeitsmarktchancen; sie sind durch niedrigere durchschnittliche Pensionsleistungen4(auf Grund der im Pensionsrecht wirksamenKombination niedrigerer Erwerbseinkommen und einer geringeren Zahl anrechenbarer Versicherungsmonate) stärkervon Altersarmut bedroht. Darüber hinausverfügt ein Großteil der Frauen in den höheren Alterskohorten nur über eine - niedrigere - Hinterbliebenenpension, nicht aber übereine eigene Pension aus Erwerbszeiten. AufGrund der höheren Lebenserwartung vonFrauen und der Tatsache, dass Pflegebedarfvor allem bei den über 75-Jährigen auftritt,weisen deutlich mehr Frauen Pflegebedarfauf als Männer.Plötzlich gab’s nichts mehrzu verdrängen und imNachhinein ist Frau Z.ihrer alten Lehrerindankbar, die sie damals imKaffeehaus getroffen hatteund die ihr den Tipp mitder Schuldnerberatunggegeben hat.Als sie dann endlich dortwar und alle ihre Unterlagen zusammen hatte undmit der Beraterin durchgegangen war, ist ihr erst sowirklich bewusst geworden,dass sie eigentlichMillionärin war –Schuldenmillionärinnämlich – wie gesagt, in deralten Währung. Heute hatsie es geschafft; derPrivatkonkurs ist abgewickelt, ihre Finanzen sindwieder klar. Und neueVorsätze sind gefasst: KeinVersandhaus mehr undBesuche sind auch besserals überlange Telefonate.Und eines ist ihr auchbewusst geworden: Für guteVorsätze braucht es einePerspektive. Die hat siedurch die Schuldnerberatung erhalten. Dennvorher waren die Schuldenso hoch, dass sie nichtmehr herausgefunden hat.Deswegen hat sie dieSchulden verdrängt, weißsie mittlerweile. Aber es istihr auch bewusst geworden,dass sie das nächste Malnicht mehr so leicht davonkommen wird.Die Wege in die Armut können vielfältigsein, etwa durch die Zugehörigkeit zu einer59

bestimmten sozialen Schicht, durch regionale Herkunft, durchGeschlecht oder Alter, durch Zugehörigkeit zu einer nationalen Minorität, durch „Ausgrenzung kraft Gesetz“ (z.B. durchillegalen Aufenthaltsstatus). Armut wird „gemacht“ etwadurch eine Trennung, v.a. wenn sie mit dem Verlust der bisherigen Wohnung verbunden ist, durch eine langdauerndeKrankheit, durch Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch, durch einen (etwa unter Alkohol verschuldeten) Unfall, durch eineStrafhaft, durch einen Konkurs, durch Haushaltsüberschuldung.Armuts-Lebenslagen sind jedoch in Österreich in der Regeltemporär (im Gegensatz zu „erblicher“, das heißt über mehrere Generationen in eigenen Armutsmilieus bzw. Gettosweitergegebenen Armut in den USA oder Großbritannien),denn das österreichische Sozialsystem schützt vor dauerhafter Verelendung und bietet vielfache Hilfen zur Überwindungvon Armutslebenslagen. Aber auch dieses Sozialsystem kannnicht immer vor temporärer Armut schützen. Die institutionelle Armuts-Prävention ist in Österreich noch wesentlich zuverbessern, aber die Unterstützungswege zu einem (mehr oderweniger raschen) Ausweg aus der Armut sind bereits vielfältig ausgebaut: Neben dem Ausgleichszulagenrecht in derPensionsversicherung, wodurch in den letzten dreißig Jahrendie Altersarmut nahezu zur Gänze überwunden werden konnte, sind vor allem die vielfältigen Maßnahmen der Sozialhilfe wirkungsvolle Instrumente aus der Armut.Im Zuge der am Gipfel von Lissabon im Jahr 2000 eingeleiteten Offensive der EU gegen Armut und Ausgrenzung hatdie Kommission der EU im Jahr 2002 einen „ersten Berichtüber die Soziale Eingliederung“5 veröffentlicht. Hier ist auchein Vergleich der Armutsindikatoren der Mitgliedsstaatenmöglich. Das mittlere Armutsrisiko in der Union betrug(1997) 18 Prozent, aber es „bestehen zwischen den Mitgliedsstaaten beträchtliche Unterschiede. 1997 war dieses Risiko amkleinsten in Dänemark (8%), Finnland (9%), Luxemburg undSchweden (12%), Österreich und den Niederlanden (13%)und am höchsten in Portugal (23%), im Vereinigten Königreich und in Griechenland (22%). Diese Faktoren können nuranhand einer Vielzahl von Faktoren erklärt werden. Die einschlägige Literatur hat traditioneller Weise ihr Augenmerk aufdie Korrelation zwischen Sozialausgaben und Armutsrisikogerichtet (.). Stellt man zwischen den Mitgliedsstaaten Vergleiche an bezüglich der Höhe der Sozialausgaben, so wirftdies komplexe Fragen auf. Unterschiedlicher Wohlstand, dieAltersstruktur der Bevölkerung, Konjunktur, Umfang desSozialschutzes und das jeweilige Steuersystem müssen inBetracht gezogen werden.“6Soziale Ausgrenzung oder Exklusion ist seit etwa 15 Jahrenzum Begriff für ein umfassendes Armutsverständnis gewor60den, dort wo Einkommensarbeit und Arbeitslosigkeit in eingemeinsames begriffliches Verständnis gebracht werden sollen. Die (damals noch) Europäische Gemeinschaft fasste 1989den Beschluss, ihre Aktionen gegen Armut und Arbeitslosigkeit unter das Motto des Kampfes gegen „social exclusion“zu stellen.7 Dieser Exklusionsbegriff unterscheidet sich vomherkömmlichen Armutsverständnis, aber auch vomUnderclass-Begriff der anglo-amerikanischen Soziologiedadurch, „dass er auf den Prozesscharakter von Ausgrenzungabhebt. Dies in einem doppelten Sinn: Exklusion verweistzum einen auf gesellschaftliche Instanzen (Strategien vonUnternehmen, institutionelle Regelungen und Verfahrensweisen, soziales Verhalten), die Ausgrenzung bewirken. Dabeizwingt der Ausgrenzungsbegriff dazu, den Blick auf die Erosion sozialer Sicherheit und die wieder zunehmende Prekaritätin der Erwerbsarbeit, somit auf die Abstufungen sozialer Gefährdung zu richten. Zum anderen lenkt er das Augenmerkauf die biografische Kumulation, das sukzessive Ineinandergreifen von Ausgrenzungsfolgen und -erfahrungen. Exklusion bezeichnet somit Zustand und Prozess, Wirkkraft undWirkung zugleich.“8Fußnoten:1Werte im Jahr 2003; diese Richtsätze werden jährlich andie Entwicklung der Aktiveinkommen bzw. der Lebenshaltungskosten angepasst2Leider steht keine aktuelle Mikrozensus-Untersuchungüber die Ausstattung der österreichischen Haushalte zurVerfügung, die letzten publizierten Werte stammen aus1993 und eignen sich nicht mehr zur Darstellung der gegenwärtigen Situation.3So liegt z.B. österreichweit keine empirische Studie überdie Verteilung innerhalb von Haushalten vor.4Allerdings sind die durchschnittlich niedrigeren Frauenpensionen zum Teil auch dadurch begründbar, dass dieobersten Alterskohorten mit ihren auf Grund geringererfrüherer Erwerbseinkommen niedrigeren Pensionen zurund zwei Drittel durch Frauen besetzt sind.5Kommission der EU, 20026Kommission, 2001, Teil 1, S. 177siehe Room, 1998, S. 46ff.8Kronauer, 2001, S. 18Sozialbericht 2001

4.2. Einkommensverteilung inOberösterreich4.2.1. EinkommensverteilungAuf Grund der vorhandenen Datenlage lässt sich kein ganzheitliches Bild der Einkommensverteilung gewinnen. Relativ stabil erfasst sind die Daten der Arbeitseinkommen derunselbständig Beschäftigten, denn diese Einkommen werdendurch die Meldung beim zuständigen Krankenversicherungsträger beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger erfasst. Allerdings existiert hier eine „nach oben offene“ Kategorie, denn von den Einkommen über der Höchstbeitragsgrundlage (im Jahr 2003: 3.360,- im Monat) ist nur die Zahlder entsprechenden Beschäftigungsverhältnisse, nicht aber deren Höhe bekannt. Daher wird die Einkommensverteilung derunselbständig Beschäftigten auch immer nach dem Zentralwert (Median) ausgewiesen, die Darstellung eines Durchschnittswertes (arithmetisches Mittel) ist hier nicht möglich.Die Steuerstatistiken erfassen den Großteil aller Erwerbseinkommen. Allerdings sind sie nicht sehr aussagekräftig, daeinerseits die niedrigsten Einkommen hier nicht erfasst werden (sie liegen unterhalb der Steuerschwelle), bei den höheren Einkommen ist hingegen eine systematische Untererfassung festzustellen (Steuergestaltungsmöglichkeiten).Besitzeinkommen werden in der Steuerstatistik auch wesentlich untererfasst (z.B. unterliegen Zinseinkommen nur einer25 prozentigen KEST, aber keiner Einkommenssteuer, Einkommen aus Grundbesitz wird nach dem Einheitswert undnicht nach dem tatsächlich erzielten Erlös erfasst, etc.).Subjektive Einkommenseinschätzungen (z.B. durch den Mikrozensus oder einen Social-Survey) unterliegen ebenfallseiner deutlichen Unterzeichnung, da Erfahrungen zeigen, dassbefragte Menschen in der Regel eine Scheu haben, ihr tatsächliches Einkommen bzw. ihr tatsächlich frei verfügbares Geldanzugeben. Aus diesen methodischen Gründen wird im Folgenden auf die Darstellung der gesamten Einkommenssituation in Oberösterreich verzichtet. Für die Darstellung desEinkommens nach Bezirken stehen kaum verwertbare Datenzur Verfügung.Einkommen unselbständig ErwerbstätigerIm Jahr 1999 (letzte zur Verfügung stehende Statistik) lagendas Medianjahreseinkommen und das Einkommen derOberösterreicherInnen im ersten Quartil in Oberösterreichknapp über dem Bundesschnitt, das Einkommen im drittenQuartil lag hingegen unter dem Bundesschnitt.Bei den oberösterreichischen Männern lag es in jedem Quartilüber dem Bundesschnitt, bei den Frauen hingegen überalldarunter.Sozialbericht 2001J a h re s e in k o m m e n 1 . Q u a rtil(b ru tto ) in E u roM e d ia n3 . Q u a r tilZusa m m e n10 .4 26 ,- 2 0.4 69 ,3 01 06 ,10 .6 63 ,- 2 0.6 08 ,2 9.8 00 ,M ä nne rÖ s terreic h16 .4 62 ,- 2 4.6 63 ,3 4.8 82 ,O b e rö s terreic h18 .0 86 ,- 2 5.3 02 ,3 5.0 07 ,F ra u e nÖ s terreic h6 .8 85 ,- 1 4.7 88 ,2 3.3 74 ,O b e rö s terreic h6 .3 19 ,- 1 3.8 82 ,2 1.4 32 ,S ta n d a rd is ie rte s J a h r e s e in k o m m e n (a u f B a s is e in e rfik tiv e n 4 0 -S tu n d e n w o c h e )Zusa m m e nÖ s terreic h14 .1 61 ,- 2 1.6 28 ,3 0.3 54 ,O b e rö s terreic h14 .0 02 ,2 15 17 ,2 9.8 72 ,M ä nne rÖ s terreic h19 .3 58 ,- 2 5.4 43 ,3 4.9 58 ,O b e rö s terreic h20 .0 57 ,- 2 1.5 17 ,2 9.8 72 ,F ra u e nÖ s terreic h10 .1 21 ,- 1 6.1 50 ,2 3.7 39 ,O b e rö s terreic h9 .3 25 ,- 1 5.1 17 ,2 1.7 17 ,Ö s terreic hO b e rö s terreic hSelbst unter Ausklammerung der Einkommen selbständigErwerbstätiger (Bauern, Gewerbetreibender) wird die großeSchere zwischen den Jahreseinkommen der Männer und dender Frauen deutlich. Auch bei einer Standardisierung derEinkommen (es werden alle Einkommen auf das - fiktive Einkommen einer Vollzeitbeschäftigung mit 40-Stunden-Woche hochgerechnet) bleiben die Unterschiede zwischenMänner- und Fraueneinkommen erheblich; ein Indiz dafür,dass diese Unterschiede nicht (allein) auf den relativ hohenAnteil von Teilzeitarbeit bei Frauen und von Überstunden beiMännern zurückgeführt werden können, sondern ihre Begründung in der unterschiedlichen Verteilung von Männernund Frauen auf die einzelnen Branchen, auf die betrieblicheHierarchie und auf die einzelnen Regionen finden.Am geringsten ist dieser Unterschied im öffentlichen Dienst,was einerseits auf die ähnliche Qualifikationsverteilung vonMännern und Frauen im Staatsdienst (zahlenmäßig hoheBedeutung des LehrerInnenberufs) zurückzuführen ist sowieauf die dienstrechtliche Besonderheit, dass (nur) im Öffentlichen Dienst auch Karenzzeiten auf Gehaltsvorrückungenals Vordienstzeiten angerechnet werden.4.2.2. Armut in OberösterreichEbenso wie sich eine umfassende Darstellung der personellen Einkommensverteilung aus den vorhandenen statistischenDaten nicht erstellen lässt, entzieht sich die umfassende Darstellung der persönlichen Betroffenheit von Armut auf Länder- oder gar auf Bezirksebene der Machbarkeit.Die quantitative Ausprägung von Armut in Oberösterreichmuss daher indirekt erschlossen werden.61

SozialhilfebezugEin wesentlicher Armutsindikator ist der Sozialhilfebezug.Insgesamt haben im Jahr 2001 1.977 Personen in Oberösterreich Geldleistungen der Sozialhilfe aus dem Titel derHilfe zum Lebensunterhalt bezogen. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass hier Doppelzählungen vorkommen (mehrfacher kurzfristiger Bezug innerhalb eines Kalenderjahres), aberdennoch kann mit gewisser Sicherheit davon gesprochenwerden, dass rund 2.000 OberösterreicherInnen so arm sind,dass sie nicht in der Lage sind, ihren Lebensbedarf aus eigener Kraft (zur Gänze) zu bestreiten.Die Entwicklung der Zahl der anspruchsberechtigten Personen und ihre Verteilung auf die einzelnen Kategorien ist derfolgenden Grafik zu entnehmen:Überwiegender Grund des SH-Anspruchesnach Personenarbeitslos/-unfähigzu geringer Unterhaltzu geringes EinkommenKinderbetreuung, Arbeit daher nicht Die Verteilung der SozialhilfebezieherInnen nach Bezirkenstellt sich – selbst nach der unterschiedlichen Bezirksgrößebereinigt – recht differenziert dar:Personen/1000 Ew.SH-Ansprüche je 1000 EinwohnerOktober 2001SozialhilfebezieherInnen OÖ 1995 - aushalts- bzw.An te il d e r F r a u e n a n d e nS o z ia lh ilfe b e z ie h e r In n e n O Ö 1 9 9 5 - 2 0 0 AlleinstehendearbeitslosFrauenDer Anteil der Frauen an den SozialhilfebezieherInnen beträgtknapp zwei erechtigteHaushalts- ützte0,000Steyr1,00500Die größte Zahl von SozialhilfebezieherInnen lebt in den dreiStädten Linz, Wels und Steyr. Das dürfte einerseits auf dievielfältigeren Problemlagen in den Städt

Meilenstein: Schuldnerberatung Die Übernahme der Schuldnerberatung in die Landeskompetenz durch das Oö. SHG 1998 war eine erfolgreiche Grundle-gung für den flächendeckenden Ausbau der Schuldnerberatung in Oberösterreich, die nun weitgehend abgeschlossen ist. . (